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Das Ende der Toten Hosen beginnt mit einer Demütigung

Das Ende der Toten Hosen beginnt mit einer Demütigung

Da sitzen sie, die Toten Hosen, irgendwo in einem Studio mitten in der deutschen Einöde, und auf dem Tisch, da liegt, na klar, ein Streuselkuchen. Man ist zusammengekommen, um über das neue Album zu sprechen, darüber, wie es denn nun klingen soll. Laut soll es sein, Wumms soll es haben, da ist man sich schnell einig. „Ich will schon, dass es knallt“, sagt Campino und leckt einmal über die kleine Kuchengabel, die er zwischen seinen Fingern balanciert.

Vielleicht wurde die Widersprüchlichkeit einer der wichtigsten deutschen Rockbands nie besser eingefangen als in diesem Bild, das Teil einer neuen ARD-Doku ist und die Toten Hosen bei den Aufnahmen ihres neuen Albums begleitet. Ja, da ist schon noch Punk in der DNA. Aber irgendwie ist das mittlerweile doch auch schon alles ziemlich Bausparvertrag.

„Das Ende setzen wir uns selbst/ Und niemand anders auf der Welt“, textete die Band schon 1986 auf ihrem Song „Wort zum Sonntag“, und jetzt tun sie das tatsächlich. Die Toten Hosen veröffentlichen mit ihrem neuen nun auch ihr letztes Album, und es trägt den ziemlich fantastischen Namen „Trink aus, wir müssen gehen“. Im Raum steht logischerweise die große Frage, ob es der Band nicht nur gelingt, den Schlussakkord selbst zu setzen, sondern ihn auch in Würde ausklingen zu lassen?

Das Ende beginnt mit einer kleinen Demütigung. Der erste Track auf dem Album ist gar kein Song der Toten Hosen, sondern einer ihrer größten Konkurrenten. Den Ärzten. Natürlich eine fantastische Idee. Zumal jeder weiß, dass die vermeintliche Fehde der beiden Punk-Systeme (Ironie versus Pathos, Berlin versus Düsseldorf) von den Bands nie so ernst genommen wurde wie von den Fans. Politisch lag man ohnehin meist auf einer Linie, und auch die legendären Spitzen gehörten eher zur Folklore als zur echten Rivalität. Campino nannte die Ärzte einmal eine „Schülerband“. Man verstand sich trotzdem.

Nun beginnt das Album also mit einer Liebeserklärung von Farin Urlaub. Allerdings mit einer, die derart lustlos getextet, so erschreckend ideenarm komponiert und so konsequent frei von jeder Form musikalischer Inspiration geraten ist, dass man sich unweigerlich fragt, ob die Sache mit der „Schülerband“ nicht doch tiefer gesessen hat als bisher angenommen. Vielleicht ist das hier tatsächlich eine Hommage. Vielleicht aber auch die raffinierteste mögliche Form des Nachtretens. Man weiß es nicht so genau.

Dann aber geht es los, endlich. Mit „Wir waren nie weg“ steigt die Band so ein, wie man sie schon lange nicht mehr gehört hat. In ungestümer Bestform. Immer wieder gelingt es auf dem Album, solche großen Momente zu schaffen. Songs, in denen die Hosen ihre ganz großen Stärken ausspielen, gerade auch, weil sie sich trauen, wieder deutlich schneller und härter aufzuspielen, als sie das auf ihrem bisherigen Spätwerk gewagt haben, und das klug mit der bandeigenen, immer wieder durchschimmernden pathosgetränkten Schwermut zu verbinden. „Trink aus“ ist so ein Song. Oder „Düsseldorf“. Das tatsächliche Highlight der Platte ist aber „Keine Macht den Proben“, weil es die rohe Energie der wirklich frühen Tage wieder einfängt, die man für gar nicht mehr reproduzierbar gehalten hat.

Dann aber kommen die Tiefpunkte

Aber weil die Toten Hosen die Toten Hosen sind und immer sehr viel auf einmal wollen, gibt es auf dem Album neben dem Intro auch noch weitere Tiefpunkte, die man sich besser hätte sparen können. Auf „Lass mal nicht machen“ singt Campino über die Dinge, die er in der Rockerrente lieber nicht machen möchte, etwa mit Prince Charles dinieren oder auf eine Party mit Söder und Merz gehen. Aha. Vielleicht, denkt man sich, hätte man auch einfach diesen Song besser mal nicht gemacht.

Ja, schon klar, die Quatschsongs sind Teil der Toten-Hosen-DNA, die eben noch aus den Bier-Punk-Zeiten im Ratinger Hof stammt, aber damals hat man sich in der Szene als Zeichen von Respekt auch noch gegenseitig angerotzt. Manche Dinge lässt man eben besser hinter sich.

Die klassischen Haltungssongs gibt es auf dem Album auch. „Schlechte Nachbarn“ etwa oder „Was ist nur los?“ Der Song beschäftigt sich mit den Menschen, die sich ein vermeintlich besseres Deutschland zurückwünschen. Klar, kann man als dummen Revisionismus abtun, wie die Hosen das hier tun, zeigt dann aber auch die parolenhafte Simplifizierung und wie weit man sich mittlerweile entfernt hat vom einfachen Mann, dem „Pöbel“ in seinen Abstiegs- und Existenzängsten, den man einst stolz repräsentieren wollte.

Die Toten Hosen sind vielleicht auch deswegen eine so große Band geworden, weil sie über vier Jahrzehnte hinweg die Geschichte eines Landes erzählten, das sich ständig neu erfinden musste. Von den letzten Nachwehen der alten Bundesrepublik über die Euphorie und Verwerfungen der Wiedervereinigung bis hinein in eine Gegenwart, die oft unsicher wirkt und um ihre Identität ringt. Kaum eine deutsche Band hat so beharrlich den Finger am Puls der Republik gehalten, ihre Widersprüche, Hoffnungen und Abstürze begleitet.

Und auch dieses Album erzählt etwas über Deutschland. Es lebt noch immer vom Sound der großen Tage, von Erinnerungen, die zuverlässig wärmen, und Melodien, die längst zum Inventar der Republik gehören. Doch wie das Land selbst wirkt die Band inzwischen weniger auf der Suche nach dem Neuen als mit der Verwaltung des Bekannten beschäftigt.

Und vielleicht liegt genau darin das eigentliche Problem. Nicht, dass dieses Album schlecht wäre. Nein, dass ausgerechnet eine Band, die einst von Aufbruch, Risiko und Kontrollverlust lebte, ihren Abschied mit einem Werk gestaltet, das vor allem nach Verlässlichkeit klingt. Die Toten Hosen verabschieden sich so, wie sie zuletzt waren, als ein fester Bestandteil des deutschen Kulturbetriebs. Souverän. Routiniert. Mit allen vertrauten Gesten. Nur die große Überraschung bleibt eben aus.

Trink aus, wir müssen gehen. Vielleicht ist es wirklich Zeit.

Die Toten Hosen: „Trink aus! Wir müssen gehen“ (Jochens Kleine Plattenfirma)

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