Es ist ja aus der Mode gekommen, in der Politik Führung zu fordern – nicht inklusiv, nicht achtsam, nicht empathisch oder respektvoll. Ach, wie schön ist es da, dass Joachim Gauck mal unser Bundespräsident war. Das gibt dem Feindenker und Einfühler das nötige Schwergewicht, um mal reinzugrätschen in die Gefühlskreise der Berliner Politikrepublik: Gauck fordert öffentlich mehr Führung ein! Na, der traut sich was …
Und das genau zum richtigen Zeitpunkt: Am Sonntag treffen sich die Parteichefs der Schwarz-Rot-Koalition im Kanzleramt, am Mittwoch dann der gesamte Koalitionsausschuss zum Reform- und Krisengipfel. Vordergründig geht es um die bekannten Deutschland-Lähmungserscheinungen: Steuern, Bürokratie, Krankenkassen, Haushalt. Die Kernfragen aber sind größere: Ist dieses Land überhaupt noch reformierbar? Reicht die Kraft der Regierung von Kanzler Friedrich Merz (70, CDU)? Hat er den nötigen Führungsanspruch an sich selbst?
Gauck erklärt im Interview mit „Welt“-Chef Helge Fuhst, woran es mangelte und noch immer fehlt und was er unter Führung versteht:
- „Wir brauchen eine politische Führung, die die Kraft aufbringt, der Bevölkerung zu erklären, warum wir diese Zumutungen akzeptieren müssen.“
- „Das Fehlen von stringenter Führung“ sei „ein Grund für die Abwanderung zahlreicher Wähler von den Parteien der demokratischen Mitte“.
- „Offene Gesellschaft und stringente Führung sind kein Widerspruch.“ Problem: „Viele Regierungsvertreter hatten sich einen Habitus des Abwartens angewöhnt, weil sie nicht durch Risikobereitschaft auffallen wollten.“ Gauck-Befund: „administratives Vor-sich-hin-Regieren“.
- Seine Diagnose: „Der Schaden geht ans Kernholz der Demokratie. Deshalb kann ich nur hoffen, dass diese Regierung nicht so endet wie die vorige.“
- Jungpolitikern, „oft von visionären Idealen getrieben“, fehle „manchmal der Realitätssinn“. Er wünsche sich „den Typus Franz Müntefering“ (Ex-SPD-Chef), der sage: „Jetzt schauen wir uns erst mal die Wirklichkeit an und dann eure Wünsche.“
Natürlich ersetzt Führung keine Verhandlungen. Aber Führung heißt eben auch, wenn alles durchgekaut ist, auch mal anzuweisen. Gauck will Führung – keinen Führer. Das können auch zwei oder drei sein, die das zusammen machen. Oder eben am Ende der eine, der Kanzler.
Vizekanzler Lars Klingbeil ist in seiner SPD auch durch, endkämpft als Parteichef ums Überleben. Er kann sich überlegen, ob er weiter versucht, dem Partei-Orkan auszuweichen, oder ob er sich mutig an die Seite von Friedrich Merz stellt, wenn der zu führen beschließt.
Kanzler Merz hat einen entscheidenden Vorteil: Die Deutschen trauen ihm nichts mehr zu. Er kann als entschlossener Anführer einer mutigen Deutschland-Reparatur-Brigade nur gewinnen. Er selbst hat keine Chance. Er sollte sie nutzen. Das Kanzleramt ab morgen: sein Führerhaus.