Dresden – Audi investiert Milliarden in Amerika, Firmenchef Gernot Döllner steht dafür mit Donald Trump auf der Bühne. In Deutschland herrscht Schnappatmung. Dabei wäre eine andere Frage viel wichtiger: Warum erscheint einem deutschen Autobauer ausgerechnet Trumps Amerika inzwischen attraktiver als der Standort Deutschland?
Natürlich kann man sich jetzt über Gernot Döllner empören. Der Audi-Chef auf einer Bühne mit Donald Trump. Mitten im Wahlkampf. Dazu die Ankündigung, Milliarden in den USA zu investieren, während Konzernmutter VW in Deutschland Stellen streicht und um Werke ringt. Das Empörungsprogramm war damit zuverlässig gestartet. SPD-General Tim Klüssendorf ruft „Skandal“, Linken-Chef Luigi Pantisano fordert den Rücktritt Döllners. Die große Frage lautet plötzlich: Wie kann ein deutscher Vorstandschef nur mit Trump auftreten?
Vielleicht sollten wir eine andere stellen: Warum glaubt ein deutscher Autoboss offenbar, dass seine Milliarden in Amerika besser aufgehoben sind als in Deutschland?
Denn Döllner will keine Parteitage gewinnen. Er will Autos verkaufen. Und ausgerechnet das wird in Deutschland für Hersteller zunehmend zur politischen Abenteuerreise. Jahrelang wurde der Autoindustrie erklärt, wohin sie zu fahren hat: Green Deal, CO2‑Flottenziele, Verbrenner-Aus, Elektromobilität. Der Staat bestimmte immer genauer, welches Auto politisch erwünscht ist. Nur leider bestimmt der Staat bis heute nicht, welches Auto der Kunde kauft.
Wie das „funktioniert“, kann man in Sachsen sehen
Das VW-Werk Zwickau wurde 2019 mit Milliarden zum Elektro-Vorzeigewerk umgebaut. Skeptiker galten damals gern als Fortschrittsverweigerer. Heute ringt die Politik mit teils wagemutigen Ideen um die Zukunft des Standortes. Doch das Problem ist unangenehm simpel: Ein Werk kann noch so modern sein. Wenn die Nachfrage nach seinen Produkten fehlt, hilft auch die schönste Transformation nichts.
Und jetzt kommt Audi
In Amerika winken ein riesiger Markt, weniger politische Scheu vor großen Verbrennern und eine Regierung, der industrielle Investitionen ziemlich offensichtlich wichtiger sind als deutsche Befindlichkeiten über das passende Bühnenpersonal.
Dass ausgerechnet ein gewaltiger SUV wie der Q9 dort bessere Chancen haben könnte als im Land der Flottenziele, Verkehrswende und SUV-Debatten, dürfte niemanden ernsthaft überraschen. In Berlin-Kreuzberg müsste Audi vermutlich eher über die Stichfestigkeit der Reifen nachdenken.
Musste es denn gleich Trump sein? Ja!
Bleibt also die moralische Kardinalfrage: Musste Döllner wirklich mit Trump auf diese Bühne? Offenbar ja. Man kann den Auftritt geschmacklos finden. Man kann ihn politisch instinktlos nennen. Man kann sich wünschen, deutsche Konzernchefs hielten sich von Wahlkampfbühnen fern. Nur sollte man dann nicht so tun, als sei damit das eigentliche Problem erklärt.
Vielleicht war dieses Bild sogar der drastischste Weckruf, den Audi der deutschen Politik schicken konnte: Schaut her, wohin eure Industrie gerade fährt. Ob der Wecker in Berlin gehört wird? Nach allem, was die deutsche Autopolitik in den vergangenen Jahren ausgezeichnet hat, darf man daran durchaus Zweifel haben.