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Schock-Studie aus Bayern: Jede Woche nimmt sich ein Bauer das Leben

Schock-Studie aus Bayern: Jede Woche nimmt sich ein Bauer das Leben
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München – Die Ernte ist eingebracht, doch voll sind die Speicher der Bauern nicht. 24 Prozent weniger Kartoffeln als im Vorjahr, 7 Prozent weniger Getreide. Trockenheit und Hitze haben die Bilanz verdorben. Doch sinkende Erträge sind nicht das einzige Problem der Landwirte. Fallende Erzeugerpreise, steigende Energiekosten, Schulden und die Sorge um die Nachfolge treiben immer mehr Bauern in den Ruin – und sogar in den Selbstmord.

Deutschlands Äcker tragen Trauer. Jede Woche nimmt sich ein Mensch in einem „landwirtschaftsnahen Beruf“ das Leben, so eine aktuelle Studie aus Bayern, die das Bundesgesundheitsblatt jetzt veröffentlichte. Die Suizidrate bei Landwirten ist mehr als dreimal höher als in anderen Berufsgruppen. Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (61, CSU) spricht bereits von einer „Krise nationaler Tragweite“.

BILD war bei den Menschen, die unser Land ernähren – und oft selbst an der Armutsgrenze ackern.

Bäuerin zahlt Löhne vom Ersparten

Büdingen in Hessen. Auf ihrem Hof hält Andrea Rahn-Farr (54) fast 400 Milchkühe: „Ich weiß von jeder, wie viel Milch sie gibt, wie hoch der Fett- und Eiweißanteil darin ist und wie viel sie frisst.“ Sie weiß aber auch, dass sie bei jedem Liter draufzahlt. „Derzeit bekomme ich rund 40 Cent pro Liter Milch. Das ist aktuell nicht kostendeckend. Ich bräuchte mindestens 45.“ Hauptgrund: die enorm gestiegenen Preise für Diesel (+79 %) und Dünger (+59 %). Ihre sieben Mitarbeiter bezahlt sie aus Ersparnissen.

„Der Absturz des Milchpreises erreichte Anfang 2026 seinen Höhepunkt“, sagt Hans Foldenauer (69) vom Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (10.000 Höfe, 30.000 Mitglieder). „Aktuell haben wir 25 bis 30 Prozent Unterdeckung, das ist unterirdisch!“ Der Milchpreis liege heute auf dem Niveau von 1989.

Menschen haben kein Geld für Bio-Produkte

Bad Münder, Niedersachsen. Seit 240 Jahren ackern die Klockemanns im Deister-Süntel-Tal. Max Klockemann (30) führt den Hof in 8. Generation. Knapp 200 Hektar Weizen, Gerste, Rüben, Mais, Raps, Kartoffeln, Erbsen. Teils konventionell, teils bio. In Silos lagern bis zu 600 Tonnen Getreide und warten auf bessere Preise.

Tatsächlich gingen die Gewinne der Ackerbauern zuletzt um 28 Prozent zurück, bei den großen Getreideproduzenten in Ostdeutschland sogar um 45,5 Prozent. Der Deutsche Bauernverband warnt vor einer „anhaltend katastrophalen Preislage an den Getreidemärkten“. Seit dem Dürresommer 2018 kämpfen die Bauern mit extremen Wetterausschlägen: Hitze, Trockenheit, dann wieder Starkregen vermiesen die Ernte.

Einst gab es zwölf Höfe im Deister-Süntel-Tal. Jetzt sind es fünf, bald wohl nur noch zwei. Drei Bauern seien über 60 und fänden keinen Nachfolger, sagt Klockmann.

In Deutschland gibt es heute noch 255.000 landwirtschaftliche Betriebe, halb so viele wie 1995. Jedes Jahr geben 2.600 Betriebe auf, 62.000 Arbeitsplätze gingen seit 2020 verloren. Laut des Bundesinformationszentrums Landwirtschaft stehen wegen fehlender Nachfolger weitere 69.000 Höfe vor dem Aus.

Importe verdrängen deutsche Äpfel

Krempdorf, Schleswig-Holstein. Auf dem Weg zum Obsthof von Dörte (37) und Henning Harms (37) stehen große Plakaten: „Kauft heimisches Obst!“ Und: „Danke, dass Ihr deutsches Obst kauft! Ohne Euch wären wir schon lange weg.“ 12.000 Bäume hat Harms’ Hof: Zwetschgen, Kirschen, Birnen, Äpfel. „Jeder zweite Apfel kommt inzwischen aus dem Ausland“, sagt Henning Harms. Die Erzeugerpreise für deutsche Tafeläpfel brachen im August 2026 um 32,9 Prozent gegenüber 2025 ein. „In schlechten Monaten haben meine Frau und ich gerade mal 2000 Euro zum Leben.“ Urlaub? „Mehr als zwei Wochen sind nicht drin. Wir hatten auch schon den Punkt, wo wir überlegten, aufzuhören.“

Laut Bundesagentur für Arbeit verdienen angestellte Landwirte rund 35.000 Euro brutto im Jahr. Bei einer 40-Stunden-Woche sind das nur etwa 6100 Euro über dem rechnerischen Mindestjahreslohn – und 60 Prozent vom deutschen Durchschnittslohn.

Millionen-Umsatz, aber kein Lohn

Vestenbergsgreuth, Bayern. Mit seiner Tochter Anne (25) betreibt Alfred Winkler (58) seinen Hof in vierter Generation. 75 Rinder, 12.700 Hühner, ein paar hundert Hektar Pacht-Äcker. „Wir machen zwei Millionen Euro Umsatz im Jahr, aber es bleibt kaum etwas hängen“, sagt er. „Ich selbst zahle mir keinen Lohn. Alles, was übrig bleibt, geht wieder in den Betrieb.“ Mehr als 3 Millionen Euro haben die Winklers investiert. „Monatlich müssen wir dafür bis 30.000 Euro abbezahlen.“

Laut Landwirtschaftsminister Rainer hat jeder dritte Landwirt Liquiditätsprobleme, auch durch hohe Kredite. Im Schnitt hat heute jeder Hof Verbindlichkeiten von 253.836 Euro. Steigende Zinsen verschärfen die Belastung zusätzlich.

Mit 40 schon zwei Herzinfarkte

Wildeck-Raßdorf, Hessen. Bio-Bauer Rico Platzdasch (52) betreibt den „Quellwiesenhof“: 134 Hektar Acker, 67 Hühner, ein Hofladen. Landwirtschaft light im Vergleich zu den 300 Mastschweinen und dem 80.000-Euro-Kredit für Maschinen von früher. Bis zu 16 Stunden habe er geackert. Bis ihn mit gerade mal 40 zwei Herzinfarkte umwarfen. Seitdem hat er vieles anders gemacht, wurde zertifizierter Bioland-Betrieb und ist „vor den Weltmarktpreisen relativ geschützt“. Trotzdem blieben ihm nur rund 1000 Euro netto. „Ohne den Verdienst meiner Frau als Verwaltungsangestellte würde es nicht klappen.“ Trotzdem liebt er seine Arbeit.

So stabil sind viele Bauern nicht. Die Selbstmordraten sind erschreckend. „Jeder Landwirt kennt ungefähr drei andere Landwirte, die Suizid begangen haben“, sagt Karen Hendrix, Ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, dem „Tagesspiegel“. An der Fachklinik in Simbach am Inn hat sie eine psychotherapeutische Gesprächsgruppe für Landwirte gegründet. „Ich glaube nicht, dass sich jemand umbringen würde, wenn er die Hoffnung und den Glauben hätte, dass sich seine Situation bessern kann.“

Rockmusik im Traktor gegen Bürokratie-Frust

Neuhaus am Rennweg, Thüringen. Doch auch unter den Landwirten gibt es sie noch, die Optimisten. Es sind Bauern wie Heinrich Meusel (37). Im Traktor hört er Rockmusik: „Um den Kopf freizubekommen. Es ist mein Ausgleich, denn inzwischen hocke ich zu 90 Prozent am Schreibtisch, wie inzwischen ein Drittel meiner 40 Mitarbeiter. Papierkram, die immer neuen Vorschriften aus Berlin und Brüssel …“ So gilt seit Ende September die sogenannte EmpCo-Richtlinie der EU, die festlegt, was „klimafreundlich“, „nachhaltig“ oder „umweltfreundlich“ ist. „Diese Nachweise und Dokumentationspflichten sind extrem kompliziert.“

Meusel machte sich mit 17 Jahren selbstständig. „Mein Motto: Lieber wagen als klagen.“ Er studierte Betriebswirtschaft und Marketing, nahm Kredite auf, investierte 4,4 Millionen Euro in Deutschlands modernste Heutrocknungs- und Verpackungsanlage, fand Marktlücken: Bio-Kräuterheu, Bio-Weizenstroh, Futtermischungen, ein Kleintier-Sortiment, Dienstleistungen in der Forst- und Landschaftspflege. Er betreibt eine Skihütte und befasst sich mit Seegrasrenaturierung. „Die Vielfalt macht uns wirtschaftlich stark.“ Den Hof hält er auf jeden Fall: „Ich bin der letzte Mensch, der irgendetwas aufgibt.“

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