Berlin - Die DFB-Elf raus, dafür der Kanzler drin – im größten Shitstorm seit Amtsantritt. Denn Deutschland fragt sich: Hat Friedrich Merz ein anderes Spiel gesehen – oder belügt er mit seinem dusseligen Social-Media-Post („Was für ein Spiel! Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch.“) nicht nur sich selbst, sondern gleich das ganze Land?
Hinter den Kulissen fasst man sich in Berlin an den Kopf. Denn was der Kanzler da nach der bitteren Klatsche gegen Paraguay vom Stapel ließ, sorgt selbst bei denen, die ihm sonst freundlich gesonnen sind, für Entsetzen.
Hat der Regierungssprecher schon geschlafen?
Ein Kabinettsmitglied zu BILD: „Das ist doch lächerlich! Wir sind eine Leistungsgesellschaft und die Leistung war unterirdisch. Und darauf sind wir jetzt stolz? Mitleid und Aufmunterung – ja. Aber doch kein Stolz.“ Es herrscht Ratlosigkeit darüber, wie der Merz-Post überhaupt das Kanzleramt verlassen konnte. Hat Regierungssprecher Stefan Kornelius vielleicht schon geschlafen, als Deutschland aus der WM flog?
Etwas aufgeweckter ist man am Tag danach in der Machtzentrale – und schiebt einen zweiten Kanzler-Post nach: „Erfolge feiern wir gemeinsam. Und in der Niederlage stehen wir zusammen. Das macht uns stark. Wer den Adler auf der Brust trägt, hat unseren Rückhalt verdient und nicht unseren Spott.“ Das nächste Kanzler-Foul, das Wut mit Spott verwechselt?
Marie-Agnes Strack-Zimmermann, EU-Parlamentarierin und Urgestein des politischen Zweitligisten FDP bei X: „Diese Nationalmannschaft spielt, wie diese Bundesregierung regiert: viel Anspruch, wenig Entschlossenheit.“ Ihr Urteil über den Abend: „Ambitionslos, ideenlos, am Ende ratlos.“ Weder im Sport noch in der Politik werde Verantwortung übernommen – und selbst das Glück helfe nicht: Als das Tor fiel, zählte es nicht.
Mit solchen Sommermärchen kommt das Land nicht weiter
In der Politik ist es wie im Fußball: Erst hatte der Kanzler kein Glück, dann kam auch noch Pech dazu. Damit kennen sich Sozialdemokraten aus NRW besonders gut aus. Jochen Ott (52), SPD-Spitzenkandidat für die Landtagswahl in NRW und großer Fußball-Fan zu BILD: „Ich habe mir, wie auch der Bundeskanzler, ein besseres Abschneiden unserer Nationalmannschaft gewünscht. Auch wenn wir offenbar zwei verschiedene Spiele gesehen haben. Als Köln-Fan weiß ich: Der Phönix ist immer dann am besten aus der Asche gestiegen, wenn man die Dinge ehrlich angesprochen und analysiert hat.“
Die Botschaft dürfte beim Bundeskanzler mittlerweile auch angekommen sein: Die Zeit, sich selbst zu belügen, haben weder er noch das ganze Land. Mit solchen Sommermärchen schießt Deutschland keine Tore mehr.