Kultur

Taylor Swift und das Elend des ausgelaugten Westens

Taylor Swift und das Elend des ausgelaugten Westens

Charli XCX, die Sie jetzt auch nicht unbedingt kennen müssen, hatte einmal einen lichten Moment, als sie Taylor Swift „Boring Barbie“ nannte. Der Battle der beiden algorithmisch optimierten TikTok-Figuren brachte erwartbar nur das Schlimmste hervor: einen neuen Taylor-Swift-Song.

Ich neige seit den Neunzigern dazu, die Menschen mit Skepsis zu betrachten. Mitgrund waren Leute wie Britney Spears und die Backstreet Boys. Das sollte Musik sein? Hatten denn alle vergessen, dass es gerade noch Michael Jackson gegeben hatte, Prince und Simon and Garfunkel? Selbst ABBA wirkten rückblickend wie intergalaktische Lichtgestalten gegen die zwangschoreografierten Hupfdohlen der Jahrtausendwende. Wer hätte gedacht, dass alles nur noch schlimmer werden würde?

Kürzlich saß ich beim Augenarzt. Der Mann stammt aus dem Libanon, ist in Syrien und Libyen aufgewachsen, bevor er über Umwege nach Berlin kam. In London hat er mit dem Diktator Baschar al-Assad Augenheilkunde studiert. Er hat einiges gesehen und folglich einen interessanten Blick auf die Welt. Zum Beispiel machte er mich darauf aufmerksam, dass der Arabische Frühling – die Revolution, die vor einigen Jahren Nordafrika erfasste – exakt einen Tag nach dem globalen Bankencrash losbrach. Der Augenarzt hätte sagen können: „Meinen Sie, das war Zufall?“ Aber er ist von der subtileren Sorte, also zog er nur die Augenbrauen hoch. Ich hörte ihm eine Weile zu und sagte dann: „Sie tanzen auf dem Grat zwischen Genialität und Verschwörungstheorie!“ Er lächelte geschmeichelt.

Warum ich das erzähle: Am Ende der einstündigen Sitzung – wobei die medizinische Diagnose nach drei Minuten erledigt war, der Rest war geopolitischer Deep Talk – guckte mich der Augenarzt traurig an. „In meiner Jugend“, sagte er, „habe ich die alten Männer bemitleidet, wenn sie sagten, früher sei alles besser gewesen. Heute bin ich der festen Überzeugung, dass früher alles besser war.“

Kommen wir also zur Hochzeit von Taylor Swift und diesem Footballspieler. Man mietet den Madison Square Garden, als wäre es eine Kegelbahn. Der Verlobungsring soll ein faustgroßer Diamant aus uralten indischen Minen sein, den Taylor Swift nach eigenem Bekunden obsessiv anglotzt, als liefe darauf das Finale von „Deutschland sucht den Superstar“.

Man dachte, der Gipfel der Geschmacklosigkeit sei erreicht, als Jeff Bezos für seine Hochzeit halb Venedig annektierte. Immerhin machten ihm europäische Aktivisten einen Strich durch die Multimilliardärsrechnung, indem sie die Kanäle mit einer Armada aus aufblasbaren Gummikrokodilen zu verstopfen drohten. Bezos musste sich ins Arsenale zurückziehen, die alte Feste, in der sich die Venezianer traditionell vor heranstürmenden Barbaren verbarrikadieren.

In Manhattan herrscht mit rund 40 Grad zwar ideales Krokodilwetter, aber von wegen – Schaulustige lassen ihre Kinder raten, in welchem Reinigungswagen sich Taylor Swift ins Gebäude schmuggelt, wie das wohl ihre Art ist, so jedenfalls die „New York Times“.

Ich wäre vielleicht gnädiger, wenn Taylor Swift wenigstens Musik machen würde. Aber wenn man ihren Namen bei Spotify eintippt, quillt aus den Lautsprechern eine gallertartige Masse von derart unermesslicher Stumpfheit und Ödnis, dass es mir ein Rätsel ist, wie irgendjemand über die ersten zehn Sekunden eines ihrer „Songs“ hinauskommt. Für Hegel war Napoleon der Weltgeist zu Pferde. In ihm bündelten sich die Fliehkräfte einer Epoche. Für mich ist Taylor Swift der Weltgeist im Reinigungswagen, Symptom eines ausgelaugten Westens, dessen einzige Antwort auf die Herausforderungen der Zeit darin besteht, ihnen selbstgebastelte Freundschaftsarmbändchen entgegenzustrecken.

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