Brüssel – Im Kampf für mehr Verkehrssicherheit und weniger Unfalltote fährt die EU-Kommission schwere Geschütze auf: Ab sofort muss jeder Neuwagen mit einem Kamerasystem ausgestattet sein, das Ablenkung und Müdigkeit des Fahrers erkennt – und Alarm schlägt. Die Regel trat ohne viel Aufsehen am Dienstag in Kraft, das Datum war bereits bei der Einführung der Pflicht für bestimmte Fahrzeugtypen vor zwei Jahren festgeschrieben worden. Zur Begründung heißt es in dem Rechtsakt: „Die Europäische Kommission schätzt, dass zwischen 10 und 30 Prozent der Unfälle in Europa durch Ablenkung der Verkehrsteilnehmer verursacht werden.“
Der neue Auto-Aufpasser hat einen sperrigen Namen: „Advanced Driver Distraction Warning“, kurz: ADDW. Die Behörde von Ursula von der Leyen (67, CDU) bezeichnet ADDW als „System, das den Fahrer dabei unterstützt, sich weiterhin auf die Verkehrssituation zu konzentrieren, und den Fahrer warnt, wenn er abgelenkt ist“. Gefilmt wird alles: Kopfhaltung, Gesichtsausdruck, Blickrichtung.
Lebensretter oder Nervensäge?
Das Warnsystem kann beides sein: Lebensretter im Extremfall. Oder aber: das größte Nervensägen-Instrument, das es jemals in ein Auto-Cockpit geschafft hat. Zumal die Touchscreens moderner Autos den Fahrer häufig zwingen, den Blick von der Straße zu nehmen. Der ADAC nennt es „absurd“, wenn „speziell chinesische Modelle den Fahrer ermahnen, sich doch bitte auf den Verkehr zu konzentrieren, wenn man ja nur das Auto bedienen möchte“.
Um ihre Daten sollen sich Neuwagen-Käufer keine Sorgen machen: Die Systeme arbeiten ohne Gesichtserkennung und sind in sich geschlossen. Das heißt: Die Daten sollen im Auto bleiben. So die Theorie.
Skandal um Datenmissbrauch in den USA
Kritiker halten Missbrauch dennoch für möglich – und verweisen auf übelste Geschäftspraktiken in den USA, die erst vor wenigen Monaten von der US-Handelsaufsicht gestoppt wurden. Demnach verkaufte ein großer Hersteller Daten zum Fahrverhalten von Millionen Kunden über Datenhändler an Versicherungen. Die erstellten daraus Risikoprofile – und passten ihre Prämien dem Fahrverhalten an. Erst durch Beitragserhöhungen erfuhren die Fahrer davon, dass ihre Daten verhökert wurden. In der EU sind solche Fälle von Datenmissbrauch bislang nicht bekannt.