Kriegschroniken

Kommt die ukrainische Rakete?

Kommt die ukrainische Rakete?

Die trockene Sprache der Lageberichte des russischen Verteidigungsministeriums lädt nur selten zum Aufhorchen ein. Dies gilt auf den ersten Blick auch für eine Mitteilung vom Mittwochvormittag – verbreitet nicht auf dem Telegramkanal des Ministeriums, sondern von der staatlichen Nachrichtenagentur Tass und weiteren Medien: »Mit den Mitteln der Flugabwehr wurden sieben Lenkbomben, eine operativ-taktische weitreichende Rakete und 602 unbemannte Fluggeräte flugzeugartigen Typs abgeschossen«, teilte das Ministerium demnach mit. Erst auf den zweiten Blick fällt auf: Die Mitteilung mag trocken sein, ihr Inhalt – so legt es die Meldung zumindest nahe – aber ist explosiv. 

Und das im buchstäblichen Sinne des Wortes. Denn das Ministerium scheint damit den Einsatz einer ukrainischen ballistischen Rakete zu bestätigen. Wörtlich geht das aus der Mitteilung zwar nicht hervor. Doch explizit wird nicht von einem Marschflugkörper gesprochen; als »Operativ-taktischen Raketenkomplex« (OTRK) bezeichnet Russland bodengestützte Waffensysteme wie seine Iskander-Kurzstreckenraketen oder die sowjetische Totschka, ebenfalls eine ballistische Rakete und Vorgängerin der Iskander. Ukrainische Marschflugkörper wie der Flamingo oder der Neptun, vom Westen gelieferte Storm-Shadow-Marschflugkörper oder ATACMS-Raketen werden von der russischen Militärbürokratie hingegen anders bezeichnet. 

Diesem Ausschlussverfahren folgend, kann es sich bei der abgeschossenen Waffe nur noch um eine von der Ukraine selbst entwickelte ballistische Rakete handeln. Das Land arbeitet seit Jahren an mehreren Modellen solcher Waffen, schon Ende 2024 kündigte die Führung in Kyjiw baldige Tests an. Danach war lange Zeit wenig darüber zu hören. Seit der Mitteilung aus Moskau vom Mittwoch fragen sich russische und ukrainische Militärblogger nun: Ist der Tag des ersten Angriffs einer ukrainischen ballistischen Rakete auf russisches Gebiet nun gekommen?

Am Vortag des gemeldeten Abschusses kursierten in russischen Telegramkanälen Fotos, die auf den Abschuss eines Flugkörpers in großer Höhe deuten, offenbar in der Region Moskau, wo zu dem Zeitpunkt Raketenalarm ausgerufen worden ist. Ein später veröffentlichtes Video der mutmaßlichen Absturzstelle von Trümmerteilen der abgeschossenen Waffe wurde von ukrainischen Militärbloggern auf den südwestlichen Rand des Moskauer Stadtgebiets, knapp 50 Kilometer vom Zentrum entfernt, geolokalisiert. Das Video zeigt nach deren Bewertung jedoch keine Trümmerteile, die geeignet wären, den Typ der eingesetzten Waffe zu identifizieren. Das hindert die russischen Militärblogger wiederum nicht daran, zu spekulieren: Es könnte sich um die FP-9 handeln. Eine Waffe, in welche die ukrainische Raketenindustrie derzeit die größten Hoffnungen zu setzen scheint. 

Die FP-9 ist eines von drei Raketenmodellen, an denen derzeit Fire Point arbeitet, der wichtigste ukrainische Drohnenhersteller. Dessen Drohnen FP-1 und FP-2 sowie der als Flamingo bekannte Marschflugkörper FP-5 werden bereits seit Monaten eingesetzt: die Drohnen nahezu täglich auf russisch besetztem Gebiet sowie in russischen Grenzregionen; die FP-5 eher in Abständen von mehreren Wochen gegen besonders hochwertige Ziele wie russische Rüstungsfabriken im tiefen Hinterland. 

Im vergangenen Herbst teilte Fire Point mit, auch in die Entwicklung ballistischer Raketen eingestiegen zu sein. Die beiden als FP-7 und FP-9 bekannten Modelle sollen 200 beziehungsweise 800 Kilometer Reichweite haben, mit bis zu sechsfacher Schallgeschwindigkeit noch schneller sein als die russische Iskander-Rakete und Hunderte Kilogramm schwere Gefechtsköpfe tragen. Auf Basis des kleineren Modells, der FP-7, arbeitet Fire Point zudem an der FP-7.X, einer Flugabwehrrakete, welche die Abhängigkeit von westlichen Abfangraketen reduzieren soll. 

Fire Point ist trotz der Leistungen seiner Drohnen bei den ukrainischen Angriffen gegen Russland nicht unumstritten. Das Unternehmen entstammt nicht etwa dem schon vor dem Krieg gewaltigen ukrainischen militärisch-industriellen Komplex – immerhin seinerzeit Zentrum der sowjetischen Raketenproduktion – sondern wurde innerhalb weniger Jahre aus dem Nichts gestampft. Die Eigentumsverhältnisse sind unklar, die Firma dementiert seit Monaten Berichte über Verbindungen zu einem inzwischen außer Landes geflohenen Geschäftsmann, der im Fokus des Korruptionsskandals der ukrainischen Energiebranche Ende 2025 stand.

Zugleich sind frühere Versprechen der Firma – etwa, dass monatlich Hunderte Flamingo-Marschflugkörper hergestellt werden sollen – bis heute nicht umgesetzt worden. Skepsis gegenüber dem ambitionierten Raketenprogramm ist also durchaus begründet. Der PR-affine Mitgründer und Chefentwickler Denys Schtilerman zeigte sich im Fall des möglichen Raketenabschusses bei Moskau jedoch geradezu demonstrativ wortkarg: Mit einem kurzen »Nein« beantwortete er auf X Fragen, ob es sich wirklich um die FP-9 gehandelt habe. Dabei hatte Schtilerman erst vor wenigen Wochen große Ankündigungen gemacht: Noch im Sommer solle es zu Gefechtstests der FP-7 und der FP-9 kommen und noch vor Ende des Sommers auch in Moskau, sagte er in einem Interview Anfang Juni. 

Dass die ukrainische Industrie nicht nur vergleichsweise simple Drohnen in großer Zahl herstellen kann – über »Hausfrauen«, die in ihren Küchen Drohnen zusammenbastelten, hatte erst im April Rheinmetall-Chef Armin Papperger gespottet – sondern auch zu deutlich mehr in der Lage ist, hat das Land in den vergangenen Jahren bereits gezeigt. Es war der ukrainische Seezielflugkörper Neptun, mit dem das Land im April 2022 das Flaggschiff der russischen Schwarzmeerflotte versenkte. In den Folgejahren wurde das Modell für den Einsatz gegen Landziele weiterentwickelt und gegen russische Ölhäfen eingesetzt; im Sommer 2025 folgte der »lange Neptun«, der bis zu 1.000 Kilometer Reichweite haben soll. Russlands Verteidigungsministerium bestätigte in mehreren Fällen den Einsatz der Waffe. 

Auch der technisch deutlich weniger ausgefeilte, dafür aber billigere Flamingo-Flugkörper findet seine Ziele, erst vor wenigen Tagen beim Angriff auf eine Rüstungsfabrik in Wolgograd. Unter Zweifel stehen allenfalls die Genauigkeit der Waffe, die bei mehreren Attacken Dutzende Meter danebenschoss, sowie die Möglichkeit, deren Produktion zu skalieren. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj räumte ein, das Flamingo-Programm sei von russischen Angriffen auf Produktionsstätten zeitweise aufgehalten worden. 

Kooperationen mit Firmen im Westen sollen das Problem lösen: In Dänemark wird seit Ende 2025 Festtreibstoff für den Marschflugkörper hergestellt. Das deutsche Unternehmen Diehl Defence plant Berichten zufolge, eine Produktionslinie für den Flamingo in Deutschland zu eröffnen. Der deutsche Rüstungshersteller Hensoldt arbeitet ebenfalls mit Fire Point zusammen: Mitte Juni kündigte Hensoldt an, Radare für das geplante Freyja-Raketenabwehrsystem liefern zu wollen und sprach von einer »strategischen Kooperation« mit dem ukrainischen Unternehmen. Freyja soll angesichts des Mangels an Flugabwehrraketen die ukrainische Luftverteidigung stärken, die FP-7.x dabei die Rolle der knapp verfügbaren PAC-3-Raketen für das Patriot-System übernehmen – und der Mitteilung von Hensoldt zufolge im Rahmen der Kooperation weiterentwickelt werden. In Bezug auf die Raketenabwehr herrscht also eine vergleichsweise Transparenz.

Anders ist es bei den Angriffsraketen FP-7 und FP-9: Bis auf Ankündigungen, wenige Videos von Teststarts und der Ausstellung von Mock-ups der Raketen bei der Rüstungsmesse Eurosatory in Paris Mitte Juni ist über diese Waffen noch kaum etwas bekannt. Auch der mögliche (und von Shtilerman dementierte) Abschuss südlich von Moskau ändert daran wenig. Dass das Thema Neugier weckt, ist indessen nicht unlogisch: Schließlich könnte die Ukraine mit ballistischen Raketen deutlich besser geschützte Ziele in Russland attackieren, die von Drohnen wegen deren leichter Sprengsätze kaum bekämpft werden können. Zugleich herrschen Zweifel daran, inwiefern die russischen S-300- und S-400-Raketenabwehrsysteme in der Lage wären, ballistische Raketen zuverlässig abzuschießen. Schließlich hat auch das Patriot-System damit seine Schwierigkeiten. 

Neben Angriffen auf die russische Rüstungsindustrie könnten ukrainische ballistische Raketen vor allem aber eine Abschreckungsfunktion einnehmen. Russlands Staatschef Wladimir Putin kann derzeit damit rechnen, dass die Ukraine auch im kommenden Winter russischen Angriffen auf ihr Energiesystem nur wenig entgegensetzen können wird. Selenskyj klagte erst am Donnerstag über den fehlenden Nachschub aus dem Westen. Solange Putin die Ukraine glaubhaft mit der Aussicht auf die schleichende Zerstörung ihrer kritischen Infrastruktur bedrohen kann, dürfte er an Verhandlungen nur wenig Interesse haben – trotz der für Russland zunehmend schwierigen Lage an der Front. Die Aussicht darauf, die Ukraine könne mit ballistischen Raketen auch in Moskau Stromausfälle provozieren – entsprechende Drohungen sprach Selenskyj bereits im vergangenen Winter aus, ohne dass sie umgesetzt werden konnten – könnte Putin womöglich zum Einlenken bewegen.

Womöglich. Denn die Debatte darüber ist schon so alt wie die russische Vollinvasion selbst: Sind ukrainische Langstreckenfähigkeiten wirklich der Schlüssel zum Erfolg? Russland und auch viele westliche Politiker trugen in den vergangenen Jahren dazu bei, die Diskussion darüber zu emotionalisieren. Russland mit Drohungen von Angriffen auf westliche Länder sollte diese der Ukraine solche Waffen liefern; westliche Regierungen mit der Entscheidung, ebendies nicht zu tun – was den Eindruck erweckte, die russischen Drohungen bis hin zum Einsatz von Atomwaffen versetzten sie in Angst. Mit seiner Eskalationsrhetorik konnte Putin die Lieferung von Waffen wie dem Taurus oder dem US-Marschflugkörper Tomahawk an die Ukraine nun immerhin mehr als vier Jahre lang verhindern. 

Die Konsequenz daraus ist jedoch, anders als Putin gehofft hat, keine unbewaffnete Ukraine. Sondern ein ambitioniertes ukrainisches Raketenprogramm. Dessen Erfolg steht trotz der Spekulationen der vergangenen Tage noch unter einem großen Fragezeichen. Doch die Zahl der Indizien, dass sich das mittelfristig verändern wird, nimmt zu.



Die Zitate: »Verblüffende« Verluste

Das Center for Strategic and International Studies (CSIS) gibt regelmäßig Schätzungen zu den Verlusten beider Kriegsparteien heraus – also der Zahl an Toten, schwer Verwundeten und Vermissten. Am Mittwoch veröffentlichte der US-Thinktank seine jüngsten Zahlen. Diese stützen demnach die ukrainische Angabe russischer Verluste von 1,4 Millionen Soldaten. 

450.000 von ihnen sind nach CSIS-Einschätzung getötet worden. Der Thinktank setzte diese nach eigener Bewertung »verblüffenden« Zahlen in Relation zu anderen Konflikten: Russland habe in der Ukraine viermal mehr Soldaten verloren als die USA in allen Konflikten seit dem Zweiten Weltkrieg zusammengenommen – und neunmal mehr als die Sowjetunion oder Russland im selben Zeitraum. 

Die Ukraine hat nach Einschätzung des CSIS zwischen 525.000 und 625.000 Soldaten verloren. Das Institut geht dabei von 125.000 bis 150.000 Toten aus. Das Verhältnis der Verluste beider Kriegsparteien zueinander habe sich zuletzt jedoch stark zugunsten der Ukraine verändert:

Das Institut geht nicht davon aus, dass diese Zahlen Wladimir Putin dazu bewegen könnten, den Krieg zu beenden: Trotz Russlands Schwierigkeiten auf dem Schlachtfeld und wirtschaftlicher Probleme hätten »die Vereinigten Staaten und Europa dabei versagt, vollen wirtschaftlichen oder militärischen Druck auszuüben«. 

Wenige Tage vor Veröffentlichung des Berichts hatte Putin bei einem Auftritt auf dem Parteitag der Regierungspartei Einiges Russland bestätigt, die Kämpfe fortführen zu wollen. In einem Interview sprach Putin danach unter anderem von einer Eroberung nicht nur des Donbass, sondern auch von »Neurussland«. Radikale Befürworter einer russischen Expansion bezeichnen mit dem Begriff den gesamten Süden der Ukraine. 


Die wichtigsten Meldungen: Angriff auf Kyjiw, EU-Schutzstatus, Nord Stream

Luftangriffe: Bei einem russischen Luftangriff auf die ukrainische Hauptstadt in der Nacht zum Donnerstag sind mindestens 30 Menschen getötet und 99 weitere verletzt worden. Nach Angaben Selenskyjs vom Freitagmorgen werden zehn Personen vermisst und könnten sich noch unter Trümmern befinden. Der ukrainischen Luftwaffe zufolge setzte Russland 496 Drohnen, vier Hyperschallraketen, 24 ballistische Raketen und 46 Marschflugkörper ein. 20 Drohnen, zwei Marschflugkörper und 24 Raketen konnten demnach nicht abgefangen werden.

EU: Die EU-Kommission will den Schutz wehrfähiger Männer aus der Ukraine einschränken. Dabei geht es um 23- bis 60-jährige Männer, die nach einem Vorschlag der Behörde von vereinfachten Aufnahmeregeln für Kriegsflüchtlinge ausgenommen werden sollen. Asylanträge müssten dann individuell geprüft werden und hätten deutlich geringere Chancen auf Bewilligung, da der Wehrdienst nicht zwangsläufig als Asylgrund gilt. Nach EU-Angaben hat die ukrainische Regierung um eine Verschärfung der Aufnahmeregeln gebeten, um die Flucht von Wehrpflichtigen zu erschweren.

Nord Stream: Die Bundesanwaltschaft hat Anklage gegen einen 50-jährigen Ukrainer erhoben, der verdächtigt wird, maßgeblich an der Sprengung der Nord-Stream-Pipelines im September 2022 beteiligt zu sein. Serhij K. soll ein siebenköpfiges Kommando angeführt haben, dem der Angriff auf die russischen Gaspipelines in der Ostsee vorgeworfen wird. Zum Zeitpunkt der Anschläge war K. Soldat der ukrainischen Armee, in der Vergangenheit soll er für den Geheimdienst SBU gearbeitet haben. Unklar ist, wer den Befehl zu dem Angriff auf die Pipelines gegeben hat. Die ukrainische Regierung hatte dementiert, den Anschlag angeordnet zu haben.

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