Berlin/London – Die Briten beschäftigt dieser Tage nur eine Frage: Kämpft er weiter oder war es das mit der Ära Keir Starmer? Der britische Premierminister stand mit Einzug seines innerparteilichen Rivalen Andy Burnham ins Parlament unter außerordentlichem Zugzwang – und diesem könnte er sich Berichten zufolge heute beugen.
Die Zeitung „The Guardian“ schrieb am Sonntag, dass Starmer schon am Montag seinen Rücktritt bekanntgeben werde, „nachdem der Druck der Labour-Abgeordneten enorm war, Andy Burnham den Weg zum Labour-Parteichef freizumachen“. „The Observer“ berichtete schon am Samstag unter Berufung auf Quellen innerhalb der Labour-Partei, dass Starmer am Montag zurücktreten und einen Zeitplan für seinen Abgang vorlegen werde.
Aus der Downing Street hieß es der BBC zufolge hingegen noch am Samstagabend, dass sich an der Position des Premiers seit Freitag nichts geändert habe. Nach dem Wahlerfolg von Burnham bekräftigte Starmer am Freitag, weiter im Amt bleiben und sich jeder möglichen Wahl um den Parteivorsitz stellen zu wollen.
Von Trump gedemütigt
Ob Rücktritt oder nicht: Im Vereinigten Königreich überwiegt die Meinung, dass sich der britische Premier so oder so nicht mehr lange halten kann. Klar ist: Starmer gewann die Wahl als Hoffnungsträger der Mitte – und verlor anschließend fast jede politische Erzählung.
Und offenbar nicht nur im Inland! „Keir Starmer wird als Premierminister des Vereinigten Königreichs zurücktreten“, schrieb US-Präsident Donald Trump (80) auf seiner Plattform – eine zusätzliche Demütigung. In der Migrations- und Energiepolitik habe Starmer „kläglich versagt“. Eine Quelle für seine Annahme nannte der Republikaner nicht. Aus der Downing Street heißt es laut BBC, Starmer habe am Wochenende nicht mit Trump gesprochen.
Flucht mit Frau aufs Land
Die letzten 48 Stunden ließ sich der Regierungschef zumindest in sozialen Medien nicht anmerken. In einem X-Beitrag äußerte er sich lediglich zum britischen Vatertag. Der Regierungschef zog sich am Wochenende mit seiner Familie auf seinen Landsitz Chequers zurück – offenbar nicht ohne Grund.
Denn: Mehrere Berichte schildern, dass Starmer die Entscheidung während seines Landaufenthalts mit seiner Ehefrau Victoria besprochen haben soll. Demnach zog sich der Premier bewusst zurück, um seine Optionen abzuwägen.
Fakt ist: Seit Freitag legten ihm zahlreiche Abgeordnete und Kabinettsmitglieder einen Abgang nahe – darunter nach Informationen des Senders Sky auch hochrangige Figuren wie Außenministerin Yvette Cooper.
Eigene Partei wendete von Starmer ab
Die Misere rund um den unbeliebten Premier begann jedoch nicht erst mit der gewonnenen Wahl seines Rivalen. Schon davor galt Starmer als stark angeschlagen – seine Partei steckt derzeit in einer historischen Krise. Bei den Kommunal- und Regionalwahlen in England, Schottland und Wales fuhr die Partei zuletzt zugunsten der Rechtspopulisten von „Reform UK“ eine krachende Niederlage ein.
Kurz darauf schwand sein Rückhalt in der Partei drastisch. Im Laufe der Zeit kehrte ihm Ex-Minister Wes Streeting (43) den Rücken und auch John Healey (66) trat nach einem Streit um den Verteidigungsetat von seinem Posten als Verteidigungsminister zurück. Der Nachrichtenagentur PA zufolge forderten mehr als 100 Labour-Abgeordnete den Rücktritt Starmers.
Warum verschleißen die Briten so viele Premiers?
Seit dem Brexit-Votum 2016 hat Großbritannien bereits den sechsten Premierminister verschlissen: David Cameron, Theresa May, Boris Johnson, Liz Truss, Rishi Sunak und nun wahrscheinlich Starmer.
Der Brexit hat die politischen Konflikte ganz offensichtlich nicht gelöst, sondern verschärft. Fragen zu Migration, Wirtschaftswachstum, Staatsfinanzen, Europa und nationaler Identität spalten das Land bis heute. Brisant: Jeder Premier versprach Stabilität – und scheiterte an denselben Grundproblemen. Die Stimmung ist aufgeheizt: Viele Briten haben das Gefühl, dass sich ihr Lebensstandard seit Jahren nicht verbessert – und das Vertrauen in die politische Klasse ist massiv gesunken. Davon profitieren vor allem Protestparteien!
Wer kommt nach Starmer?
Als Favorit gilt derzeit der Bürgermeister von Greater Manchester, Andy Burnham. Er wird von vielen Labour-Abgeordneten als Politiker gesehen, der die Partei wieder mit ihrer traditionellen Wählerschaft verbinden könnte. Auch andere Namen kursieren, doch Burnham wird in London derzeit am häufigsten genannt.
Die größere Frage lautet jedoch: Kann überhaupt noch jemand die politische Mitte stabilisieren? Oder steuert Großbritannien auf eine noch stärkere Polarisierung zwischen Labour, Konservativen und den Rechtspopulisten zu? Heißt vorerst: Starmer geht wohl, die Krise bleibt.