Eine Frau, knapp bekleidet, spaziert vor voll besetzten Zuschauerreihen hin und her. Im Publikum: Kinder, Erwachsene, wohl auch ein paar Großmütter. Ihre verschränkten Blicke verraten nicht viel, außer dass sie der selbstbewusste Auftritt der Halbnackten doch ein wenig irritiert. Was die sich erlaubt. Ist das denn angemessen?
Die Rede ist nicht von Ikkimels Auftritt kürzlich im ZDF-„Morgenmagazin“, in dem die Berliner Rapperin in hochhackigen Fantasie-Sportschuhen vor einem schockstarren Publikum die „Fußballmänner“ in die Tonne trat, sondern von der Künstlerin und Schriftstellerin Gabriele Stötzer, heute 73 Jahre alt, bei einer „Mode-Objekt-Show“ auf dem Gelände des thüringischen Schlosses Ettersburg im Jahr 1989. „Test the West“ heißt die Performance der „Künstlerinnengruppe Erfurt“, Stötzer läuft oben ohne und trägt dabei selbst gebastelte Strapse.
Fotografien davon und Originalkostüme sind derzeit in der Schau „Dabei sein und nicht schweigen“ im Berliner Gropius Bau zu sehen. Es ist die bislang größte institutionelle Einzelschau der Erfurterin, und sogar die erste Ausstellung, die der Gropius Bau überhaupt einer ostdeutschen Künstlerin widmet. Man kann sich angesichts der Entdeckung dieses umwerfend vielseitigen, gewitzten Werkkosmos fragen: Warum eigentlich erst jetzt?
Vielleicht ist es kein Zufall, dass es vor allem Frauen der Gen Z und solche Ü60 sind, die der Kuratorin Julia Grosse zufolge die Ausstellung mit Begeisterung aufsuchen. Sie haben die nötige Sensibilität für die Macht gesellschaftlicher Zuschreibungen; die Frauengeneration dazwischen ist ja in der Annahme aufgewachsen, dass allein Leistung zählt. Ein Label ist die „DDR-Künstlerin“, ein anderes die „DDR-Zeitzeugin“, und es stimmt ja auch, schließlich war Gabriele Stötzer im härtesten Frauenknast der DDR inhaftiert, auf Schloss Hoheneck. Als eloquente Zeitzeugin ist Stötzer vielen bekannt. Grosse findet, dass es jetzt einfach mal an der Zeit ist, sich auch die schiere Fülle an Kunst anzusehen, die eine einzige Frau hervorgebracht hat.
Bei Stötzer lief einiges anders: Als Autodidaktin gehörte sie keiner Institution an, eigentlich wollte sie Kunst- und Deutschlehrerin werden. Wegen „Staatsverleugnung“ war sie zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden, weil sie gegen die Ausweisung Wolf Biermanns protestiert hatte; bereits ein Jahr zuvor hatte man sie exmatrikuliert, weil sie sich mit einem verfolgten Kommilitonen solidarisiert hatte. Doch der Versuch, die junge Frau zu brechen, ging nach hinten los. Stattdessen trat sie eine „Flucht in die Öffentlichkeit“ an, wie sie es nannte. Wurden Künstlerkolleginnen erst durch die Haft politisiert, wurde sie umgekehrt im Knast zur Künstlerin. Politisch war sie schon vorher.
Auf Hoheneck lernte sie alles über Frauen: Körperbeschaffenheiten, Solidarität, Freundschaft und Intimität. Mit Klopfzeichen verabredete man sich, dann ging man zur Kloschüssel und konnte über die Abwasserrohre miteinander sprechen. Jahre später kehrt Stötzer für ihr Video „Zelle 5“ dorthin zurück und putzt. Kein Trauma, ein Triumph.
Sofort nach der Haft schrieb Stötzer ihre Knast-Erfahrungen auf und zeigte das Manuskript ihrer Freundin Christa Wolf. Titel der Niederschrift: „Dabei sein und nicht schweigen“. Wolf habe sie weggeschickt mit den Worten: „Zeig das niemandem und schreib was anderes.“ Da war sie, die gläserne Wand. Stötzer übersetzt solche oft kaum greifbaren Erfahrungen in serielle Körperbilder, die immer wieder auch aus dem Stegreif entstehen. „Die Fensterscheibe knutschen“ lautet ein Leporello von 1982: Ihr Modell Birgit Bronnert presst sich ungerührt gegen das Glas.
Den Anfang ihres bildnerischen Schaffens bilden drei rührend kleine, stille Gemälde. Ganz verhalten, wie ein Geist, verharrt „Der Rufer in der Wüste“. Auch „Die Regenbogenfrau“ scheint noch unschlüssig, wohin, und „Der Schrei“ bleibt stumm, weil die Figur sich den Mund zuhält. Dann die künstlerische Initialzündung: Stötzer setzt sich mit gespreizten Beinen nackt auf den Waldboden, ein Freund knipst. Sie malt sich schwarze Striemen übers Gesicht oder trifft sich mit Freundinnen zu spielerischen Aktionen, die sie filmt. Wenn das eine Medium nicht mehr möglich ist, weil die Stasi den Freundeskreis immer wieder zersetzt oder die eigene „Galerie im Flur“ schließt, findet sie ein anderes, und sei es die Raufasertapete oder ein Frühstücksbrettchen; und der eigene Körper ist ja auch immer da. Ihn kann sie bemalen, fotografieren, bewegen, feiern.
150 Werke in sieben Räumen zeigt die Schau und geht dabei nicht chronologisch vor, sondern nach Medien. Der erste Raum überwältigt mit seinen laut beschallten Super-8-Filmen: Da wird weibliche Lust mit derselben Selbstverständlichkeit beobachtet wie Leute, die über Stühle hüpfen, mitten auf Gehwegen umfallen oder Variationen zum Thema „Tod“ körperlich darstellen: „abkratzen“, „den Löffel abgeben“. Der Stadtraum, die Natur, die Körper und Phrasen werden zu Medien, die es zu bespielen gilt. „Im Untergrund, da lacht ganz laut der Muttermund“, schreibt Stötzer.
Besonders lustig ist der Film „Kai & Karsten“: Zwei Freunde wollen sich auch mal so frei fühlen wie die Frauen, die sich vor Stötzers Kamera ausziehen. Stötzer lässt also Musik laufen, schenkt Wein ein. Die beiden Männer beginnen erst zögerlich, dann mit wachsender Begeisterung, nackt zu tanzen. Sie bemalen einander und die Wand und haben sichtlich Spaß. Wie sich im Nachhinein herausstellt, waren sie Inoffizielle Mitarbeiter der Stasi. Ändert dieses Wissen etwas daran, wie das Werk wirkt? Es ist eine der vielen Spannungen, die Stötzer ganz federleicht erzeugt.
Kostüme aus Kleidungsresten und Zeitungen, aus Coladosen, Folien, Wolle und Metall sind raumgreifende wie alberne Gesten der Selbstermächtigung; Skulpturen aus montierten Fotos erinnern in ihrem sakralen Ernst an archaische Wächterfiguren. Andere Werke behaupten sich, indem sie sich ganz klein machen. Leporellos konnte man bei Bedarf schnell verschwinden lassen. Die Rebellion bestand darin, zu zeigen, was man erschaffen und handhaben konnte, trotz des Mangels an Material, Farben oder Ausstellungsraum. „Entweder du kaufst eine Wurst oder einen Film“, so Stötzer über diese Zeit.
Eine Auffaltung aller Werk-Komponenten soll die ganze Ausstellung sein, sagt Kuratorin Grosse bei einem Rundgang. Nach der Wende sei das Interesse an Kunst aus der DDR hoch gewesen, Stötzers „Künstlerinnengruppe Erfurt“ in die Schweiz und nach Frankreich eingeladen worden. Mitte der 1990er galten die vermeintlichen Exotinnen bereits als auserzählt. Dass Stötzers Werk keiner Schublade zuzuordnen war, machte es nicht leichter. War sie Video- und Performance-Künstlerin? War sie Zeichnerin, machte sie Multimedia, Keramik- oder Textilkunst? Noch dazu war sie als Autodidaktin institutionell nirgends angebunden, international hatte man sie nicht auf dem Schirm.
Das ändert sich gerade gewaltig. Im Herbst 2026 wird sie mit dem Goslarer Kaiserring geehrt, einem der wichtigsten Kunstpreise der Welt; Museen beginnen, Stötzers Werk zu kaufen. Ihr vernetztes Denken und ihr unverbissener Feminismus treffen einen Nerv, vor allem ihre Kollaborationen mit anderen schwingen ins Heute: Ihr Film „Wie man eine Stasi-Zentrale besetzt“ (1990) zeigt den historischen Moment der ersten Besetzung einer Stasi-Zentrale, zu verdanken der schlauen Vorgehensweise einer fünfköpfigen Frauengruppe, Stötzer mittendrin. Statt mit Gewalt schlugen sie das System mit seinen eigenen Begriffen und einem Anwalt im Schlepptau: Die Unterlagen seien schützenswertes Volkseigentum, verkündeten sie und verschafften sich so legal Zugang. Eine soziale Plastik, nur dass Stötzer Beuys gar nicht kannte.
Eigens für die aktuelle Ausstellung schuf Stötzer die aus Original-Wolle aus den Achtzigern auf ein altes Fischernetz geknüpfte, sich empor schlängelnde Figur „Undine kommt“ (2025). Als Antwort auf Ingeborg Bachmanns Erzählung „Undine geht“ (1961) wendet sich die „weibliche Urkraft“ nicht mehr ab von der Zerstörung, die in den anhaltenden Kriegszeiten über die Erde gekommen ist. Sie hält sie aus und hält dagegen, weich, warm und schillernd, mit zarten Keramik-Brüsten, mächtig und ungebrochen.
„Gabriele Stötzer: Dabei sein und nicht schweigen“, bis 6. Dezember 2026, Gropius Bau, Berlin