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„Eine der größten Reisen der vergangenen Jahrzehnte“

„Eine der größten Reisen der vergangenen Jahrzehnte“

Zwei Tage vor ihrer offiziellen Rückkehr lief die „Gorch Fock“ in diesem Herbst in die Kieler Förde ein – und unter voller Besegelung wieder heraus, am Landtag von Schleswig-Holstein vorbei. Es war ein nautisch seltener Gruß an die Heimat, nach insgesamt 165 Tagen See- und Ausbildungsreise. Mit rund 100 Menschen Stammbesatzung und insgesamt 217 Offizieranwärterinnen und -anwärtern in drei aufeinanderfolgenden Lehrgängen war der Traditionssegler seit April über den Atlantik und zurück gefahren. WELT AM SONNTAG sprach an Bord auf dem Marinestützpunkt in Kiel-Wik mit dem Kommandanten Kapitän zur See Elmar Bornkessel, 50, darüber, wie er die Rolle des Schiffes sieht und weiterentwickelt. Als einziges Schiff der Deutschen Marine wird die „Gorch Fock“ von einem Kapitän zur See kommandiert. Der Rang entspricht dem Oberst beim Heer und der Luftwaffe.

WELT AM SONNTAG: Herr Kapitän zur See, viele Jahre, bevor Sie 2024 das Kommando auf der „Gorch Fock“ übernommen haben, sind Sie schon auf dem Schiff gefahren. Wie erinnern Sie sich an diese frühen Reisen?

Elmar Bornkessel: Zum ersten Mal kam ich 1995 als Offizieranwärter an Bord. Die Ausbildung auf der „Gorch Fock“ war für uns obligatorisch. Mich hat dieses Schiff aber von Anfang an in seinen Bann gezogen. Es war auch einer der ausschlaggebenden Gründe, warum ich überhaupt zur Marine gegangen bin. Danach wechselte ich über die Jahre immer wieder zwischen Verwendungen auf Fregatten und auf der „Gorch Fock“. Hier an Bord war ich zunächst Segeloffizier, später Erster Offizier und übernahm 2024 schließlich das Kommando.

WAMS: Waren die Reisen als Kommandant seit 2024 anders als die früheren? Zwischen 2015 und 2021 war das Schiff weitgehend neu gebaut worden.

Bornkessel: Als Kommandant habe ich bislang zwei große und eine kleinere Ausbildungsreise gemacht, dazu einzelne kürzere Seefahrten. Die Modernisierungen nimmt man an Bord vielleicht gar nicht so unmittelbar wahr. Die Lüftungsanlage und die Klimatisierung sind zum Beispiel verbessert worden. Das Schiff hat sich in vielen Bereichen verändert, aber der Kern ist derselbe geblieben. Das zeigt sich schon bei ganz alltäglichen Dingen: Man lebt auf engem Raum, Kadetten und Angehörige der Segelcrew schlafen in Hängematten, und alle müssen sich in eine Gemeinschaft einfügen, in der jeder auf den anderen angewiesen ist. Für mich war 2024 sofort wieder vieles vertraut. Auch die Takelage und die Bedienung der Segel sind im Wesentlichen so geblieben, wie ich sie von früher kannte.

WAMS: Die „Gorch Fock“ wird heute noch so gesegelt wie zur Zeit ihrer Ablieferung von der Hamburger Werft Blohm+Voss im Jahr 1958?

Bornkessel: Das Rigg ist zwar vollständig erneuert worden, in seiner Ausführung aber nahezu unverändert geblieben. Natürlich wurden kleinere technische Änderungen vorgenommen, die für Außenstehende aber kaum wahrnehmbar sind. Eine Besonderheit ist der sogenannte Mastfall: Die Masten stehen nicht ganz gerade, sondern sind leicht nach achtern geneigt. Heute ist diese Neigung etwas geringer als früher. Bei genauerem Hinsehen kann man das durchaus erkennen.

WAMS: Kürzlich haben Sie die „Gorch Fock“ nach Kiel zurückgebracht. Wie ordnen Sie die zurückliegende Reise ein?

Bornkessel: Es ist eine der größten Reisen der vergangenen Jahrzehnte gewesen. Auch wegen der besonderen Aufgabe, Deutschland dabei zu repräsentieren, war es für uns eine herausragende Reise. In New York haben wir für die Bundesrepublik Deutschland an den Feierlichkeiten zum 250-jährigen Bestehen der Vereinigten Staaten von Amerika teilgenommen – in einer Zeit, in der das deutsch-amerikanische Verhältnis nicht ganz einfach ist. Dort vor Ort zu sein, das war schon eine große Ehre für uns. Wir wurden in den USA als die guten Freunde aus Deutschland wahrgenommen.

WAMS: Hat die komplizierte und schwierige Weltlage die Repräsentationsarbeit der „Gorch Fock“ verändert?

Bornkessel: Nein, im Grundsatz ist dieser Teil unserer Arbeit gleich geblieben. Wichtig ist dabei: Repräsentative und diplomatische Aufgaben sind für uns stets die zweite Priorität. Im Mittelpunkt steht die Ausbildung der Offizieranwärterinnen und Offizieranwärter – sie ist die Existenzberechtigung dieses Schiffes. Natürlich hilft uns dabei auch die hohe Aufmerksamkeit, die die „Gorch Fock“ in anderen Ländern erfährt. Wenn man am 4. Juli in New York an der Freiheitsstatue vorbeisegelt und die Menschen entlang des Hudson Rivers einem zujubeln und zuwinken, dann ist das selbstverständlich auch eine repräsentative Aufgabe. Zugleich prägt ein solches Erlebnis die jungen Menschen an Bord nachhaltig. Deshalb stehen Ausbildung und Repräsentation nicht im Widerspruch. Vielmehr ergänzen sie sich in besonderer Weise.

WAMS: Die „Gorch Fock“ hat an der US-Ostküste auch noch die Five-Sisters-Trophy traditionsreicher Segelschulschiffe gewonnen. Wie ist Ihnen das gelungen?

Bornkessel: Die Geschichte begann eigentlich 1976. Damals traten die Schwesterschiffe der „Gorch Fock“-Klasse erstmals zur Five-Sisters-Trophy gegeneinander an, und die „Gorch Fock“ gewann. Der Pokal stand seitdem fast 50 Jahre bei uns an Bord. Als sich abzeichnete, dass zum 250. Geburtstag der Vereinigten Staaten die vier heute noch aktiven Schwesterschiffe an der US-Ostküste zusammenkommen würden, entstand die Idee, die Regatta nach 50 Jahren wieder aufleben zu lassen. Die „Gorch Fock“ ist durch die vielen Modernisierungen das schwerste dieser Schiffe. Um unter diesen Voraussetzungen überhaupt eine Chance auf den Sieg zu haben, mussten wir alle Register ziehen. Wir haben zum Beispiel einen Teil der Frischwasserzellen geleert und die Kraftstoffbunker nicht vollgemacht. Damit war das Schiff leichter. Gleichzeitig konnten wir während des Rennens Kraftstoff umbunkern und damit den Trimm des Schiffes optimieren. Entscheidend war aus meiner Sicht aber unsere Renntaktik.

WAMS: Sport- und Freizeitsegler kennen Renntaktiken von Regatten. Wie muss man sich das bei einem Wettbewerb von Traditionsseglern vorstellen?

Bornkessel: Bei einer Segelregatta ist der kürzeste Weg nicht automatisch der schnellste. Manchmal lohnt es sich, zusätzliche Meilen in Kauf zu nehmen, wenn man dafür stärkeren oder günstigeren Wind bekommt. Wir haben uns ganz bewusst für die kürzestmögliche Strecke entschieden. Die amerikanische „Eagle“ hat die gleiche Taktik verfolgt, während die portugiesische „Sagres“ und die rumänische „Mircea“ eine Wegstreckenverlängerung in Kauf genommen haben. Diese Überlegungen hatten wir im Vorfeld auch mit dem Team um Boris Herrmann abgeglichen, das unabhängig von uns zur gleichen Einschätzung kam. Und wir wussten: Je stärker der Wind wird, desto besser für uns. Die „Gorch Fock“ kann gerade bei kräftigem Wind ihre seglerischen Stärken ausspielen. Als wir dann tatsächlich kräftigeren Wind bekamen, spielte uns das in die Karten. Am Ende hat vieles zusammengepasst: unsere Vorbereitung, die richtige Taktik und eine Besatzung, die auch gewinnen wollte und das Schiff wirklich gut gesegelt hat.

WAMS: Die „Gorch Fock“ fährt mit klassischen Rahsegeln. Schränkt diese Besegelung, die ja auf rückwärtige Winde optimiert ist, Ihre Kurse und Ihre Törnplanung ein?

Bornkessel: Rahsegel setzen der Kurswahl gewisse Grenzen, machen uns aber keineswegs nur von achterlichen Winden abhängig. Wir können auch bei halbem Wind segeln und bis auf etwa 80 Grad an den Wind herangehen. Auf langen Strecken, insbesondere bei einer Atlantiküberquerung, richten wir unsere Planung aber an den großräumigen Windsystemen aus und nutzen möglichst verlässliche Windlagen wie die Passatwinde oder die Westwinddrift.

WAMS: Planen Sie die Reisen der „Gorch Fock“ üblicherweise in enger Abstimmung mit dem Außen- und auch mit dem Bundesverteidigungsministerium?

Bornkessel: Die Verantwortung für die Reiseplanung liegt grundsätzlich beim Kommandanten. Vorgaben und Wünsche aus dem Auswärtigen Amt, dem Verteidigungsministerium oder der Marine fließen in die Überlegungen ein. Meine Aufgabe ist es, daraus einen nautisch schlüssigen, logistisch umsetzbaren und vor allem für die Ausbildung sinnvollen Reiseplan zu entwickeln.

WAMS: Können Sie gezielt auch Wünsche des Auswärtigen Amtes berücksichtigen?

Bornkessel: Ja, sofern sie sich in den nautischen Rahmen der Reise einfügen lassen. Bei einer Atlantikreise geben beispielsweise die großräumigen Windsysteme Route und Zeitfenster weitgehend vor: Auf dem Weg von Europa nach Amerika nutzen wir die Passatwinde, für den Rückweg die Westwinddrift. Dabei bestehen unterschiedliche Möglichkeiten, etwa über die Azoren oder über Island. 2026 habe ich mich bewusst für die Route über Island entschieden, nachdem wir im Jahr zuvor bereits zweimal die Azoren angelaufen hatten. Innerhalb dieses nautischen Rahmens wählen wir Häfen aus, die für unsere Ausbildung geeignet sind, attraktive Liegeplätze bieten und eine Wahrnehmung des Schiffes in der Öffentlichkeit ermöglichen. Wenn sich dabei zugleich Anliegen des Auswärtigen Amtes, des Bundesverteidigungsministeriums, der Marine oder unserer Partner berücksichtigen lassen, greifen wir sie gerne auf.

WAMS: Die internationale Sicherheitslage hat sich mit dem Ukrainekrieg stark verändert. Müssen Sie daran auch die Inhalte Ihrer Ausbildung anpassen?

Bornkessel: Die veränderte Sicherheitslage schärft den Blick dafür, worauf es in der Ausbildung künftiger Marineoffiziere ankommt: Verantwortungsbereitschaft, Belastbarkeit, Entscheidungsfähigkeit und das Bewusstsein, im Ernstfall unter schwierigen Bedingungen führen und bestehen zu müssen. Diese Grundlagen haben schon immer zur Ausbildung auf der „Gorch Fock“ gehört, gewinnen heute aber zusätzlich an Bedeutung. Zugleich kommen die Offizieranwärterinnen und Offizieranwärter inzwischen erst nach etwa einem Jahr und mit ersten Erfahrungen aus anderen Bereichen der Marine zu uns. Unsere Ausbildungsinhalte müssen deshalb stärker an dieses Vorwissen anknüpfen.

WAMS: Warum wurde der frühere Ablauf der Ausbildung umgestellt?

Bornkessel: Die Offizieranwärterinnen und Offizieranwärter sollen frühzeitig einen tieferen Einblick in ihr künftiges Berufsfeld gewinnen und deshalb bereits vor der „Gorch Fock“ Erfahrungen auf einem grauen Marineschiff sammeln. Wenn sie zu uns kommen, haben sie bereits erste Erfahrungen in der Flotte gesammelt und damit auch eine Vorstellung davon entwickelt, wie Marine vermeintlich richtig funktioniert. Eine unserer Herausforderungen besteht dann darin, dieses Vorwissen aufzugreifen, einzuordnen und den Blick noch einmal zu erweitern und auch ein wenig zurechtzurücken. Die Ausbildung auf der „Gorch Fock“ zielt heutzutage weniger auf unmittelbar übertragbare praktische Fertigkeiten ab als früher. Im Mittelpunkt stehen Charakterschulung und Persönlichkeitsentwicklung. Unter den besonderen Bedingungen der Seefahrt lernen die jungen Menschen, Verantwortung zu übernehmen, sich in die Gemeinschaft einzuordnen und auch unter Belastung zu bestehen. Die See ist die Dimension, in der sie sich als Marineoffiziere bewähren müssen – unabhängig davon, ob sie später als Marineinfanteristen, Hubschrauberpiloten oder Wachoffiziere auf Booten und Schiffen eingesetzt werden. Genau deshalb bleibt das Segelschulschiff ein unverzichtbarer Bestandteil ihrer Ausbildung.

WAMS: Wie lange dauert ein Ausbildungstörn auf der „Gorch Fock“ normalerweise?

Bornkessel: Der Ausbildungsabschnitt auf der „Gorch Fock“ dauert in der Regel sechs Wochen. Er beginnt mit zwei Wochen Segelvorausbildung im Hafen. Daran schließt sich eine rund vierwöchige Seefahrt mit einem kurzen Hafenaufenthalt an. Je nach Reiseplanung kann der Abschnitt auch mal länger dauern. Zuvor durchlaufen alle Offizieranwärterinnen und Offizieranwärter an der Marineschule ein medizinisches Screening, ein intensives Sportprogramm und anschließend die Mastausbildung. So kommen sie bestmöglich vorbereitet an Bord.

WAMS: Wie nehmen Sie die Nachfrage von Frauen nach der Offiziersausbildung in der Marine wahr?

Bornkessel: Frauen sind in der Offiziersausbildung der Marine heute sehr präsent. Ich erlebe an Bord viele junge Frauen, die sich ganz bewusst für diesen anspruchsvollen Berufsweg entschieden haben und Verantwortung übernehmen wollen. Das ist eine sehr positive Entwicklung. Entscheidend sind für mich dabei Eignung, Leistung und Führungswille. Am Ende des Tages spielt es keine Rolle, ob es Frauen oder Männer sind.

WAMS: Ist es heutzutage schwieriger, befähigte Offizieranwärterinnen und -anwärter zu finden als früher?

Bornkessel: Die Konkurrenz um geeignete junge Menschen ist heute größer als früher. Das betrifft ja nicht nur die Marine, sondern den gesamten Arbeitsmarkt. Zugleich haben sich die Erwartungen an Beruf und Privatleben verändert. Für die Marine kommen besondere Anforderungen hinzu: Wer sich für diesen Beruf entscheidet, muss sich in der Regel irgendwann Richtung Küste bewegen und durch Seefahrt und Einsätze längere Abwesenheiten in Kauf nehmen. Diese Belastungen spielen bei der Berufswahl und auch bei der Entscheidung, langfristig in der Marine zu bleiben, eine wichtige Rolle und können natürlich auch abschrecken. Gleichzeitig bietet die Marine aber einen außergewöhnlichen Beruf: Man übernimmt früh Verantwortung, erlebt Gemeinschaft und Zusammenhalt, erlebt die Seefahrt unmittelbar und stellt sich Herausforderungen, die es in dieser Form in kaum einem anderen Beruf gibt.

WAMS: Wer sich heute für die Bundeswehr und insbesondere für die Deutsche Marine entscheidet, muss damit rechnen, im Ernstfall auch in einem Krieg eingesetzt zu werden. Dieses Risiko ist durch Russlands Krieg gegen die Ukraine deutlich gestiegen. Wie bewusst ist das den jungen Menschen, die zu Ihnen kommen?

Bornkessel: Die jungen Menschen, die heutzutage zu uns kommen, gehen mit dieser Frage sehr klar und, wie ich meine, realistisch um. Sie kennen die Warnungen, dass Russland bereits bis zum Jahr 2029 in der Lage sein könnte, die Nato militärisch herauszufordern. Ihnen ist bewusst, dass sie dann als Wachoffizier auf einem U-Boot, einer Korvette oder einer Fregatte, als Pilot eines Hubschraubers oder als Zugführer der Marineinfanterie an der Ostflanke eingesetzt werden könnten, mit allen Konsequenzen, die damit verbunden sind. Mich beeindruckt, wie reflektiert sie damit umgehen.

Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Er berichtet seit vielen Jahren auch über die Marinerüstung und über die Deutsche Marine.

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