Noch wissen wir nicht, wie es aussieht, das Kanzlerinnenporträt der Angela Merkel. Aber so oder so ist es ein seltener Moment, wenn es am 30. Juni 2026 im Bode-Museum in Berlin präsentiert wird. Das Gemälde des 1997 geborenen Künstlers Jérémie Queyras wird das erste seit fast zwanzig Jahren sein, das sich in die Ahnengalerie einreiht, die im ersten Stock des Berliner Bundeskanzleramtes hängt. Jörg Immendorffs Bildnis von Gerhard Schröder wurde im Jahr 2007 übergeben.
Vom 1. Juli bis zum 4. Oktober 2026 wird das Merkel-Porträt im Bode-Museum auf der Berliner Museumsinsel präsentiert, erst danach wandert es ins Kanzleramt. Was man aus einer ausführlichen Hintergrundgeschichte der „Zeit“ über die Entstehung des Bildes bereits weiß: Merkel lässt sich im Stehen porträtieren, nicht sitzend. Und das Gemälde mit den Maßen 110 mal 140 Zentimeter ist eine Leihgabe. Es wurde von der Kanzlerin a.D. selbst in Auftrag gegeben und bezahlt – und kann, falls sie das will, eines Tages auch wieder aus der Galerie entfernt werden. Je nachdem, wer dann im Amt ist, man weiß ja nie.
Bemerkenswert ist, dass sich die Altkanzlerin von einem doch ziemlich jungen Künstler malen lässt und keinen etablierten Namen ausgesucht hat. Das ist eher ungewöhnlich für ein Kanzlerporträt. Der Begründer der Tradition, Helmut Schmidt, entschied sich 1986 für den prominenten DDR-Künstler Bernhard Heisig. Das war damals nicht unumstritten, denn Heisig zählte zu den Staatskünstlern der DDR, während die Diktatur die ihr unbequemen Künstler systematisch sabotierte. Doch Heisig konnte eben porträtieren. Das Wesen des kettenrauchenden Norddeutschen hat er gut eingefangen – mit Zigarette in der rechten Hand, den Ellbogen auf dem Tisch, Papiere auf dem Tisch. Der Kanzler als Macher.
Helmut Schmidt hatte bereits 1976 entschieden, dass es eine Galerie der Bundeskanzler geben sollte, auch um dem damals in Bonn beheimateten Kanzleramt mit Kunst sein Sparkassen-Ambiente auszutreiben. Das ist gelungen: Im heutigen Kanzleramt in Berlin kann man immer wieder guter, teils sogar wirklich guter Kunst begegnen. Doch es sind nicht unbedingt die gediegenen Kanzlerporträts, denen man das zu verdanken hat – das Adenauer-Porträt von Oskar Kokoschka etwa hing lange in Angela Merkels Büro, es gehört aber zur Sammlung des Deutschen Bundestags, das künstlerisch weniger interessante Porträt in der offiziellen Kanzlergalerie stammt von Hans Jürgen Kallmann.
Auch Schmidts Nachfolger Helmut Kohl griff auf die in der DDR stärker als in der BRD gepflegte Tradition des gegenständlichen Malens zurück – der Heisig-Schüler Albrecht Gehse malte Kohl und über seiner rechten Schulter das Brandenburger Tor. So verknüpfte er, was wiederum für immer mit Helmut Kohls Kanzlerschaft verbunden sein wird: die Wiedervereinigung. Künstlerisch herausragend ist das Bild deshalb aber nicht.
Gerhard Schröder wiederum konnte – etwa anlässlich der Eröffnung der Jörg-Immendorff-Retrospektive 2018 in München – mitreißend und persönlich über Kunst sprechen, er suchte die Nähe von Künstlern. Sein Bildnis ist das bis heute ungewöhnlichste der Kanzlerporträts, und auch das mutigste, weil es den Kanzler in die ironisch-anspielungsreiche Bildsprache des ehemaligen Maoisten und Lebemanns Immendorff aufgehen lässt: mit vergoldetem Kanzlergesicht und jenen Affen, die dem 2007 verstorbenen, bedeutenden Künstler zum Markenzeichen wurden.
Von Merkels direktem Nachfolger Olaf Scholz ist noch nicht bekannt, welche Art von Bildnis er der Bundesrepublik Deutschland von sich hinterlassen möchte. Einfach ist die Entscheidung nicht: Die Porträtmalerei ist im deutschen Kunstbetrieb eine Nische, anders als etwa in Großbritannien. Und sie ist von einem Bruch geprägt, nicht von jahrhundertelanger Kontinuität.
Ein letzter Akt politischer Bildregie
Helmut Schmidt lehnte es ab, auch die Porträts der Reichskanzler im Kanzleramt aufzuhängen, egal wie gut sie auch gemalt waren. Dabei ist es geblieben, die Tradition beginnt erst mit der Gründung der Bundesrepublik. Aber kurz muss nicht langweilig heißen. Deutschlands Bilderpolitik ist, verglichen etwa mit der des Nachbarlands Frankreich, altmodischer und herausfordernder zugleich. Die französischen Präsidenten werden für ihre offiziellen Porträts fotografiert und nicht gemalt.
Auf den Porträts von Emmanuel Macron oder Nicolas Sarkozy finden sich staatstragende, klar lesbare Symbole wie die französische Flagge oder die Verfassung. Das herrschaftliche Dekor und die Bücherwände des Elysée-Palastes geben dafür den Rahmen ab (nur François Hollande posierte lieber im Garten vor dem Amtssitz). Diese Bilder sind aber auch eher Gebrauchsgegenstände, wie die Porträts des deutschen Bundespräsidenten in den Ministerien und Botschaften. Sie entstehen schon zu Beginn der Amtszeit, während die der Bundeskanzler erst danach gemalt werden – ein ungleich langwierigerer Prozess, der im Falle Merkel und Queyras viele Monate in Anspruch nahm.
Das Kanzlerporträt ist also eine ganz eigene Art von Bild, die die zweite deutsche Demokratie da hervorgebracht hat: halb Abschiedsgruß, halb Vermächtnis. Und es ist aufschlussreich, was man über die Kanzlerin erfährt, selbst wenn man das Bild noch nicht gesehen hat. Der spannendste Punkt bei Merkels Porträt ist ja nicht, dass es bald auch in der Reihe der ehemaligen Bundeskanzler hängen wird oder wie gut es gemalt ist, sondern wie kontrolliert der Übergang vom lebenden Machtzentrum zur historischen Figur abläuft – und wie gut Merkel ihn offenbar im Griff hat.
Der junge Maler Jérémie Queyras mit französisch-deutschem Hintergrund hat in seinem Erwachsenenleben kaum einen anderen Regierungschef erlebt als Merkel. Queyras gehört zu einer Generation, die politisch mit Merkel als dominierender Kanzlerfigur aufgewachsen ist und die Altkanzlerin nun als versöhnliche, vom Tagespolitischen enthobene Figur wahrnimmt. Die zur Enthüllung des Bildes erzählte Geschichte des jungen Künstlers, der sich per Brief als Porträtist bewarb, und der zugewandten, nahbaren Kanzlerin, die er in ihrer heimatlichen Uckermark besuchte – sie ist maximal anschlussfähig. Das Merkel-Porträt ist damit nicht bloß ein Nachtrag zur Amtsgeschichte, sondern ein letzter Akt politischer Bildregie.