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BILD im Gerichtssaal in Marseille: Erste Frankreich-Chaoten stehen schon vor Gericht

BILD im Gerichtssaal in Marseille: Erste Frankreich-Chaoten stehen schon vor Gericht
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Marseille (Frankreich) – Am Samstag brannten Barrikaden, flogen Molotow-Cocktails, wurden über 2000 Geschäfte in Frankreich gestürmt und geplündert. Ein beispielloser Ausbruch der Gewalt. Nur wenige Tage danach sollen die ersten Randalierer bereits in Schnellverfahren abgeurteilt werden. BILD war im Gerichtssaal in Marseille dabei. Und erlebte, wie der Staat schon wieder hilflos bleibt.

In ganz Frankreich gab es 2400 Festnahmen, in Marseille waren es 101. Sieben Verdächtige werden am Dienstag in einen heruntergekommenen Gerichtssaal geführt, in dem sich die Spanplatten schon von den Sitzbänken lösen. Alle Angeklagten sind nordafrikanischer Herkunft, drei von ihnen wurden in Marseille geboren. Alle werden beschuldigt, an Ausschreitungen und Plünderungen teilgenommen zu haben.

Als Erster sitzt Essedine Ch. (21) auf der Anklagebank, ein großer, breitschultriger Algerier mit kurz geschorenen Haaren. Er wurde von der Polizei mit einem Reisekoffer aufgegriffen, an dem noch das Preisschild eines „Monoprix“-Supermarktes hing. Darin: 38 Artikel, darunter Schokolade und Kinderkleidung. Eine klare Sache? Essedine spricht nicht besonders gut Französisch, sagt mithilfe einer Übersetzerin: „Ich war auf dem Weg zu einem Fußballspiel und habe diese Sachen auf der Straße gesehen. Ich wollte meiner kleinen Schwester etwas mitbringen.“ Das sei natürlich ein Fehler, aber mehr so ein Zufall gewesen.

„Ich möchte für Frankreich sterben“

Ein Fußballspiel? Ja, nur an den Namen seines Teams könne er sich gerade nicht erinnern, der sei in seinem Handy gespeichert. Er berichtet, dass er erst vor sieben Monaten illegal in einem kleinen Boot über das Mittelmeer gekommen sei. Er wolle in die französische Fremdenlegion – ein Weg zur Staatsbürgerschaft – und habe schon die erste Prüfung bestanden: „Ich möchte in Frankreich bleiben, weil hier mein Herz ist. Ich möchte für Frankreich sterben.“ Marseilles Oberstaatsanwalt Nicolas Bessone glaubt dem Angeklagten kein Wort: „Essedine Ch. ist nicht in die Stadt gekommen, um Fußball zu spielen, sondern um zu rauben.“ Er fordert ein Jahr Gefängnis und das Verbot, in Frankreich zu bleiben.

Sechs Monate auf Bewährung

Die Anwältin argumentiert, dass es doch „nur ein paar Sachen“ von der Straße gewesen seien. Sie plädiert auf gemeinnützige Arbeit. Und die Richterin? Sie verurteilt den angeblichen Fußballspieler zu sechs Monaten Gefängnis – auf Bewährung. In Frankreich darf er bleiben. Ein hartes Urteil? Fehlanzeige.

Und so geht es weiter an diesem Tag. Drei Angeklagte sitzen gemeinsam auf der Anklagebank, zwei aus Algerien, einer aus Tunesien. Sie alle sagen, sie seien da irgendwie reingeraten, hätten aber nichts gestohlen. Boudiem B. (35) aus Algerien behauptet, er habe doch nur TikTok-Filme aufgenommen: „Ich wollte zeigen, was passiert ist, das Chaos!“ Ein anderer sagt, er sei nur auf die Straße gegangen, um Zigaretten zu holen.

Dreimal Freispruch, dreimal Freilassung

Oberstaatsanwalt Bessone kann es nicht fassen: „Sie haben an diesem apokalyptischen Chaos teilgenommen, sie rannten vor der Polizei weg. Sie, Herr B., wollten keine TikToks aufnehmen, sondern an den Plünderungen teilnehmen.“ Er fordert wieder Haftstrafen von bis zu einem Jahr und Frankreichverbot von fünf Jahren für alle. Die Urteile: Dreimal Freispruch.

Es folgen eine junge Frau und zwei junge Männer aus Marseille. Sie wurden gefasst, als sie eine ganze Ladung gestohlener Elektronik mit einem Auto in eine Vorstadt-Siedlung bringen wollten, sitzen in U-Haft. Einer von ihnen, 20 Jahre alt, saß schon zweieinhalb Jahre in Haft wegen schwerer Körperverletzung. Die Urteile: Alle werden bis zu einer neuen Verhandlung freigelassen. Lachend und grinsend verlassen sie den Gerichtssaal, im Zuschauerraum jubeln ihre Freunde. Der Staatsanwalt verzieht keine Miene. Abschreckung sieht anders aus. Für kommenden Samstag werden die nächsten Ausschreitungen erwartet.

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