Sie wirken wie die Olsenbande: Auf der Bühne steht eine Truppe von Kleinkriminellen, die wieder einmal vom großen Bruch träumen. Die letzten Versuche gingen schief und endeten im Knast statt auf den Bahamas. Dieses Mal soll alles anders werden.
Der Plan? Von der Bühne des RambaZamba-Theaters in der Berliner Kulturbrauerei buddelt man einen Tunnel, der erst zum Spätkauf an der Ecke Schönhauser Allee führt, wo man sich mit Bier und Chips ausrüstet. Von dort geht es weiter zur Sparkasse und am Ende zur Bühne des Praters in der Kastanienallee, wo man mit dem Musical „Das Phantom der Unterwelt“ groß rauskommt.
Das alles ist natürlich nur ein großer Theaterjux, inszeniert vom Vollprofi für Bühnenklamauk Milan Peschel. Nach „Mord im Regionalexpress“ kehrt der 58-Jährige mit „Weißt Du schon, wie schön es wird?“ als Regisseur an das inklusive RambaZamba-Theater zurück und begeistert mit einer charmanten Gangsterklamotte.
Als Schauspieler kennt man Peschel von der Berliner Volksbühne, aber auch aus Film und Fernsehen (von „Halt auf freier Strecke“ bis „Danowski“). Seit knapp 20 Jahren schlüpft er immer wieder auch in die Rolle des Regisseurs und macht mit schrägen Komödien in der Tradition von Leander Haußmann und René Pollesch auf sich aufmerksam.
Mit „Weißt Du schon, wie schön es wird?“ entwirft Peschel wieder einmal eine wilde Mischung aus Wirklichkeit und Bühnenbehauptung. Das großartige Ensemble des RambaZamba-Theaters – Christian Behrend, Friedrich Dambeck, Moritz Höhne, Franziska Kleinert, Shirly Klengel, Anil Merickan, Joachim Neumann, Hieu Pham, Zora Schemm und Rebecca Sickmüller – spielt eine Gangsterbande, die eigentlich eine Theatertruppe sein will. Oder umgekehrt. Jedenfalls haben sie eine Menge Spaß dabei. Und darum geht es ja eigentlich, wie auch der Namensgeber ihrer Bande Siggi Leupold sagt, ein bierseliger Lebensphilosoph mit Posaune an Konnopke’s Currywurstbude.
Wer die Hölle kennt
Der ernste Hintergrund der Geschichte ist, dass sich der buntgescheckte Haufen dieser Tage nicht mehr auf Kulturförderung oder Hauptstadtkulturfonds verlassen kann. Ende vergangenen Jahres stand das RambaZamba-Theater tatsächlich vor dem Aus, weil die steigenden Kosten die Zuschüsse bei weitem überstiegen. Nach einem Brandbrief an die Öffentlichkeit wurde vorerst mehr Förderung zugesichert. Dass jedoch der gesamte deutsche Kulturbetrieb – nicht nur in Berlin – auf eine existenzielle Finanzierungskrise zusteuert, ist inzwischen kaum mehr zu übersehen.
Der geplante Bankraub ist also nichts weiter als die Privatakquise ausbleibender Mittel für Kultur. Auf dem Bühnenbild prangt schon der knallige Schriftzug „Verkauft!“, hinten gibt es zwar eine Tür mit großem Notausgangsymbol, die jedoch nirgendwohin führt (Bühne Nicole Timm). So dreht sich die Truppe in den hübschen Kostümen (Magdalena Musial), unterstützt von Wassilissa List als Gast, im Kreis und tanzt zu den Liedern der Kreuzberger Punkband Acht Eimer Hühnerherzen. Für einen Live-Auftritt hat das Budget leider nicht gereicht, witzeln sie.
Für ein gelingendes Leben, das lernt man an diesem Abend, braucht es auch Orte, wo man Geld aus dem Fenster schmeißen kann. Wo eine Ökonomie der Verschwendung gepflegt wird, wie im Theater. Und wenn man kein Geld mehr dafür bekommt, muss man es sich eben nehmen, und sei es nur im Spiel. Theaterarbeit hat mit Bankraub zu tun, sagte Heiner Müller einmal, man braucht gute Kumpane und etwas kriminelle Energie.
Ihre größten Theatererfolge hat die Siggi-Leupold-Bande außerdem gefeiert, als sie nach ihrem vorigen Raubzug 14 Jahre in der JVA Tegel saß und Gefängnistheater gespielt hat, inklusive Einladung zum Theatertreffen. Und tatsächlich feiert kurz vor „Weißt Du schon, wie schön es wird?“ das Gefängnistheater Aufbruch in der JVA Tegel eine Premiere, mit dem düsteren Dekadenzdrama „Caligula. Inferno“ nach Albert Camus und Dante.
22 Gefangene spielen die Geschichte des berüchtigten römischen Kaisers, den die Inszenierung von Peter Atanassow als weltfremden Träumer, Rebellen und Nihilisten zeigt. Caligula betritt in der schwarzen Lederkluft eines Rockers die Szene im Innenhof des Gefängnisses, den Bühnenbildner Holger Srybe mit rostigen Metallgittern bestückt hat, die die Umrisse eines Palastes erahnen lassen. Gegenüber den Patriziern in ihren feinen Anzughosen und Hemden (Kostüme: Anne Schartmann) wirkt Caligula wie ein Störenfried oder Disruptor, wie man heute sagen würde. Als er die Edelmänner demütigt und deren Frauen in die Bordelle Roms zwingt, herrscht im Volk noch klammheimliche Schadenfreude, doch bald schon merken die Plebejer, dass auch sie in der entfesselten Willkürherrschaft nicht viel zu lachen haben. Caligula pfeift zwar auf alte Privilegien, ist jedoch an einer Veränderung der Welt nicht interessiert. So heißt es bald: Alle gegen alle.
Wie immer bei den Inszenierungen von Aufbruch staunt man, was das beeindruckende Ensemble in neun Wochen Proben erarbeitet hat. Dass hier Gefangene spielen, die sonst selten mit Theater in Berührung kommen, merkt man kaum, so überwältigend stürzen sie sich in das Rollenspiel oder in die Musikeinlagen mit Begleitung von den 17 Hippies. Für viele ist es auch ein Ausbruch aus dem tristen und harten Knastalltag, der durch Missstände und Übergriffe, Drogen und Verzweiflung geprägt ist, wie Darsteller nach der Vorstellung berichten.
Erst vor Kurzem kam es in der JVA Plötzensee innerhalb weniger Tage zu zwei tödlichen Zellenbränden, Suizid ist nicht ausgeschlossen. Das sorgt auch in der JVA Tegel für Unruhe und Diskussionen unter den Gefangenen. Dem Ensemble scheinen die menschengeschaffenen Höllenkreise, die man in „Caligula. Inferno“ spielerisch durchwandert, keineswegs fremd zu sein. Ganz großes Theater!
„Caligula. Inferno“ vom Gefängnistheater Aufbruch läuft noch bis 2. Juli in der JVA Tegel. „Weißt Du schon, wie schön es wird?“ läuft am Berliner RambaZamba-Theater.