Wie kondensiert man das komplexe, ephemere Wesen eines Menschen in einem einzigen Bild? PortrĂ€tfotografen versuchen das seit der Erfindung der Fotografie, die immer schon das suggestive Versprechen artikulierte, besonders authentisch zu sein. SchlieĂlich musste hier kein Maler mehr gegen intellektuelle Verzögerungen und handwerkliche Grenzen anarbeiten; nun zeichnete das Licht selbst die harte RealitĂ€t auf die Fotoplatte. Ein Irrglaube, wie sich schnell herausstellte.
AuthentizitÀt im Bild herzustellen, ist, 200 Jahre und unzÀhlige technische Revolutionen spÀter, immer noch das hehre Ziel von PortrÀtfotografen. Martin Schoeller ist einer der weltweit bekanntesten und begehrtesten. Sein Archiv wirkt fast wie ein Querschnitt durch die globale Gesichtsprominenz der Gegenwart. Seine Methode versucht dabei, gleiche Voraussetzungen zu schaffen, ob da nun Clint Eastwood seinen von zehn Lebensjahrzehnten gegerbten Charakterkopf vor Schoellers Kameraobjektiv hÀlt oder Anne Hathaway ihr anscheinend nicht alterndes, nur immer straffer werdendes Gesicht. In einem Interview beschrieb Schoeller, wie er die Augenhöhe seiner Fotomodelle misst und die Kamera entsprechend ausrichtet. Er fotografiert frontal, bei kontrollierten LichtverhÀltnissen, und er geht ganz nah ran.
Schoellers Methode ist das extreme Close-up: Die Gesichter seiner StudiogĂ€ste fĂŒllen spĂ€ter fast das ganze Bild. Der Raum, die Kleidung, besondere Statussymbole und erzĂ€hlerischer Kontext verschwinden weitgehend â das Gesicht wird zum Angesicht.
Ambivalenz zwischen Wirklichkeit und Abbild
Martin Schoeller beschreibt, dass er den Moment sucht, in dem das Gesicht noch nicht wieder eine eingeĂŒbte Pose angenommen hat. Er will hinter die eingeĂŒbte Gesichtsdarstellung kommen. Besonders bei Filmschauspielern ist das eine Herausforderung. Aber mittlerweile ĂŒben schon SiebenjĂ€hrige ihr Fotogesicht. AuthentizitĂ€t ist im Bild eben kaum zu erreichen. So bleibt der Fotograf glĂŒcklicherweise skeptisch gegenĂŒber der Idee einer absoluten fotografischen Wahrheit. Denn jede mimische Regung bleibt eben auch ein StĂŒck Inszenierung.
Schoellers Bilder leben gerade von dieser Ambivalenz zwischen Wirklichkeit und Abbild, im VerhĂ€ltnis von PortrĂ€tierten und PortrĂ€tisten und umgekehrt. Schoeller hat einmal gesagt, er verwickle seine Modelle in GesprĂ€che, um eine AtmosphĂ€re zu schaffen, in der das PortrĂ€t erst gelingen kann. Hinter der typologischen âGleichheitâ in der Form verbirgt sich also keineswegs die Gleichbehandlung in der PortrĂ€tsituation. Als Betrachter wissen wir freilich nicht, wie es wirklich gelaufen ist mit Adele im Studio oder mit Harry Belafonte.
Die noch jugendlich wirkende britische SĂ€ngerin schaut ein bisschen mĂŒde in die Linse, hat aber noch die Kraft, eine Augenbraue leicht zu zĂŒcken. Der greise amerikanische SĂ€nger blickt wĂŒrdevoll und sehr bestimmt, so als wolle er durch die Kamera, durch den Fotografen direkt in die Augen des Betrachters starren. Schoeller hat eine beeindruckende Serie geschaffen: So ziemlich jeder, der in Politik, Kultur und ShowgeschĂ€ft Rang und Namen hat, hat sich in die Aufnahmesituation mit Schoeller gewagt, um mit einem Close-up belohnt zu werden. Die KĂŒnstlerin Marina AbramoviÄ, die die GegenĂŒberstellung bis zum performativen Exzess getrieben hat, ist ĂŒbrigens auch dabei.
Die Methode auch auf Delinquenten in der Todeszelle auszuweiten und Ăberlebende der Schoah ebenfalls zum Close-up zu bitten â dazu gehört wohl mehr Verantwortung, als Schauspieler, Musikerinnen und Regierungschefs abzulichten. Noch mehr Selbstvertrauen, um das erforderliche VertrauensverhĂ€ltnis aufzubauen. In Zusammenarbeit mit der Internationalen Holocaust-GedenkstĂ€tte Yad Vashem und auf Anregung von Kai Diekmann als Vorsitzendem von deren deutschem Freundeskreis entstand die 2020 vorgestellte Serie âSurvivors: Faces of Life after the Holocaustâ mit 75 PortrĂ€ts.
âEs war zweifellos die emotional anspruchsvollste und bereicherndste Erfahrung meiner Karriereâ, erklĂ€rt Schoeller das Projekt, zu dem auch Interviews und Filmdokumente gehören. âDiese Geschichten von unglaublicher Ausdauer zu hören und die Art und Weise, wie diese Ăberlebenden fĂŒr Toleranz und VerstĂ€ndnis eintreten, bedeutet, die menschliche GĂŒte erneut bestĂ€tigt zu spĂŒren.â Mit seinen Bildern hoffe er, diese Lektionen weitergeben zu können.
Unter den PortrĂ€tierten ist etwa Yona Amit, die 1938 in eine italienisch-jĂŒdische Familie in Fiume, heute Rijeka, Kroatien, geboren wurde und nach der Flucht vor den Nationalsozialisten zunĂ€chst von einer Familie versteckt und spĂ€ter unter falscher IdentitĂ€t in einem Kloster untergebracht wurde, ehe ihr die Flucht in die Schweiz gelang. Auch der Antwerpener Jude Maurice Gluck wurde als Kind versteckt. In der Obhut einer christlichen Familie in BrĂŒssel ĂŒberlebte er den Naziterror. Schreiben sich ihre Lebensgeschichten und Schicksale in die Gesichter ein? Die Bilder beantworten die Frage nicht, aber sie bewahren visuell eindringlich die Aufforderung, sich ihrer zu erinnern. Die PortrĂ€treihe wird zum Dokument der Zeugenschaft.
Obwohl die Methode technisch, fast wissenschaftlich anmutet, sind Schoellers extreme Nahaufnahmen mehr als ein persönlicher Stil oder ein fotografisches Alleinstellungsmerkmal. Sie sind ein humanistisches Verfahren: die Suche nach dem Menschen hinter seinem Antlitz, nach Menschlichkeit hinter der Selbstdarstellung.
Martin Schoeller wurde 1968 in MĂŒnchen geboren und absolvierte eine Ausbildung zum Fotodesigner am Berliner Lette-Verein. Die typologische Tradition in der deutschen Fotografie prĂ€gte ihn â ob August Sanders gesellschaftlich angelegte PortrĂ€ts oder Bernd und Hilla Bechers serielle Aufnahmen von Industriebauten. 1993 ging Schoeller in die USA und arbeitete als Assistent der Starfotografin Annie Leibovitz. Sein Durchbruch als selbststĂ€ndiger Fotograf kam 1998 mit einem PortrĂ€t der Schauspielerin Vanessa Redgrave fĂŒr âTime Out New Yorkâ. Bald arbeitete Schoeller fĂŒr Zeitschriften wie âRolling Stoneâ, âNational Geographicâ, âTimeâ und âThe New York Times Magazineâ sowie regelmĂ€Ăig fĂŒr den âNew Yorkerâ, der zuvor von Richard Avedons PortrĂ€tfotografie geprĂ€gt worden war.
Martin Schoeller ist nominiert fĂŒr THE POWER LIST â Germanyâs Top 50. POLITICO, WELT und BUSINESS INSIDER zeichnen im Rahmen der POWER LIST 2026 Persönlichkeiten aus, die Deutschland bewegen und an die Weltspitze bringen. Die POWER LIST steht fĂŒr Relevanz und Zukunft. Die finale Liste wird am 4. Juni veröffentlicht. Alle BeitrĂ€ge finden Sie schon vorab hier: welt.de/the-power-list.