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Treffen sich Rodin und Michelangelo im Louvre: Ganz schön heiß hier!

Treffen sich Rodin und Michelangelo im Louvre: Ganz schön heiß hier!

Nippelalarm! Sexy Kerle flächendeckend in der Pariser Metro. Meterbreit und ungeniert krempeln sie zwischen den historischen Kachelrahmungen der Werbeflächen die Shirts hoch oder zeigen sich gleich, wie Gott sie schuf. Besser: zwei Götter – Rodin und Michelangelo. Die marmorhellen und bronzedunklen Posterboys sollen nämlich auf eine spektakuläre Louvre-Ausstellung heiß machen.

Da wird man gern misstrauisch. Man türmt zwei berühmte Namen aufeinander, das läuft dann schon als Ausstellung. Eben „Michelangelo und Rodin – Lebende Körper“. Das mögen andere so machen und dann meist auch noch nur wenige Originale zeigen. Das hat, mag er in den letzten Monaten vornehmlich für schlechte Schlagzeilen gesorgt haben, der Louvre zum Glück nicht nötig. Zumindest für gute, spannende, üppige Ausstellungen ist dort immer noch Budget vorhanden. Und eine solche ist mit diesen beiden großartigen Bildhauern gelungen, die durch den direkten Vergleich, der historisch belegt ist, nur gewinnen können. Der eine durch seine Zeitlosigkeit, der andere durch seine Vitalität und Originalität, die ihn am fast vier Jahrhunderte Älteren spielerisch Maß nehmen ließ.

Zaubern können die beteiligten Kuratoren des Louvre wie des Pariser Musée Rodin freilich auch nicht. Aber ihre Fantasie können sie kreativ spielen lassen. Das schmale malerische Werk Michelangelos wird kaum ausgeliehen. Die Statuen sind auch meist groß, selten transportabel und kaum noch aus Italien herauszubekommen. Und auch wenn bei Auguste Rodin die Ausgangslage besser ist: Auch da ist vieles für eine museale Präsentation im Dutzend zu groß und zu unhandlich.

Trotzdem hat der Louvre natürlich mit den beiden unvollendeten, sich schmerzlich-sinnlich aus dem Carrara-Marmor windenden Sklaven vom unvollendeten, weil immer wieder umgeplanten römischen Papst-Julius-Grabmal zwei Inkunabeln der Bildhauerei in seiner Sammlung. Wie herrlich, sie einmal aus der angestammten Präsentation in eine ganz andere, clean-moderne und weiß strahlende Atmosphäre verbracht zu sehen, wo sie mit den dunklen Rodin-Bronzen des „Ehernen Zeitalters“, „Adams“ und „Jean d’Aire nu“ aus dem Kontext der „Bürger von Calais“ bestens korrespondieren. So stehen sie stolz in der Eingangsrotunde der Ausstellung, von Punktstrahlern umschmeichelt, ganz neue Details und Finessen offenbarend.

Und schon hier gilt: Rodin, der Titan der Belle Époque, kann sich mit seinen gegen den Zeitgeist sich stemmenden, trotzdem gefeierten, ebenfalls oftmals bewusst unvollendeten, halb noch im Stein oder im unbearbeiteten Material steckenden Statuen, als Gips-, Wachs- oder Ton-Bozzetti grob gequetscht und provisorisch und trotzdem nicht selten vollendet in Form gebracht, ganz leicht neben dem übergroßen Meister des Steins behaupten. Obwohl Rodin sich nicht erst seit seiner Italienreise 1876 immer wieder neben den Renaissance-Meister stellte, ihn als Vorbild pries, der ihm, dem Seelenverwandten über die Zeiten, den Akademismus ausgetrieben habe – und dem er wiederum auf seine ganz eigene, oft sehr nah verwandte Weise gerecht wurde.

Kraftkerle mit sensibler Seite: Michelangelo und Rodin

Das hätte schiefgehen können, wenn man am Beginn der opulenten Ausstellung sieht, wie übergroß das zu Ende gehende 19. Jahrhundert Michelangelo zum göttlichen Wiederbeleber des menschlichen Körpers in Marmor wie Malerei auf einen schier unerreichbaren Sockel gehoben hatte. Rodin ließ sich davon nicht beeindrucken, zollte ihm auf seiner Grand Tour, die natürlich auch eine éducation sentimentale war, Tribut, indem er kopierte und damit lernte. Er stellte im „Mann mit der gebrochenen Nase“ aber auch eine unidealisierte, widerständige Körperlichkeit dagegen, oder nutzte den Schwung der verdrehten Körper auf dessen Florentiner Medici-Grabmälern als erotische Verheißung in seinen offenherzigen Tänzerinnen-Skizzen.

Michelangelo wird vom damaligen Zeitgeist durch Kleinmeister in ehrenden Hommagen als himmelhohes Vorbild festgeschrieben. Rodin bricht das auf, sucht auf ähnlich grimmig-temperamentvolle Weise wie der erratische Renaissance-Wüterich nach dem Muskel unter der Haut, der Kraft im angespannten Fleisch, dem Willen und der Energie des Körpers. Der gerade so, als Abbild unter seinen Händen, ebenfalls mehr wurde als nur unbelebte Materie. In der animalischen Dynamik oftmals grob behauener Texturen findet sich eine aufregend gemeinsame, die Historie überspringende Basis für diese Kraftkerle mit sensibler Seite.

Lebendiger Geist in unbewegter Form. Bildhauerei als Körperforschung. Anatomie mit charaktervollem Mehrwert. Darum wird hier in den mehr als 200 ausgestellten Werken gerungen: dem Material genau diese eine, in ihm schlummernde Möglichkeit künstlerischen Ausdrucks zu entwinden. Das ist natürlich Geniekult. Aber es ist auch ein schweißtreibender Kampf, Schwerarbeit. Man sieht das immer wieder an den schroffen, vom Arbeitsaufwand kündenden Oberflächen, dem gefügig gemachten Metall und Stein. Oder eben auch an der sich filigran aus dem Marmor drückenden Rodin-„Hand Gottes“, die doch so ganz anders und trotzdem auf die berühmte, freskierte Michelangelo-Geste der Erschaffung Adams von der Decke der Sixtinischen Kapelle zu antworten scheint.

Von beiden Künstlern sind in Paris vielfach Abgüsse vorhanden, doch die erlauben interessante wie überraschende Werkkombinationen. Zwischen sie werden dann freilich auch noch – als universeller Vergleichsmaßstab – Werke von Hans Arp, Joseph Beuys, Bruce Nauman, Ossip Zadkine, Baccio Bandinelli, dem Salonschmeichler Alexandre Cabanel, Delacroix, Degas oder Cézanne eingeflochten und sinnig dazwischengeschmuggelt.

Ganz besonders intensiv wirkt diese produktive Zweisamkeit, die natürlich nur eine einseitige war, in der von den voluminösen Figuren, Büsten, Körperteilen und Formationen schier an den Rand gerückten Flachware der Zeichnungen. Die können sich freilich souverän dank ihrer Qualität behaupten. Besonders in den über 30 Papierwerken Michelangelos, wo es analytisch, experimentell, ausgewogen, expressiv und oftmals sehr zärtlich zugeht.

Allein dafür lohnt schon diese Schau, während Rodin viel breiter, weniger konzentriert die Bögen oftmals nur als repetitive Spielfläche nutzt, um sich dann doch plötzlich an einem Detail zu verbeißen, es dorthin zu entwickeln, wo es für ihn dann in der Dreidimensionalität relevant und zielführend wird. Und zum anderen lebt Rodin natürlich schon so sehr in der Moderne, dass er die Zeichnung auch als eigene Kunstform begreift – während sie für Michelangelo eigentlich nur Hilfsmittel, Mustervorlage, vertiefende Arbeitsgrundlage und Vorarbeit war.

Man staunt, wie spannungsvoll plötzlich Rodins wuchtiger Balzac in seinem den Körper verhüllenden Mantel, den es als eigene, fast wie Arte Povera wirkende Gipsetüde gibt, auf den dämonisch wilden, gehörnten Moses Michelangelos trifft – obwohl beide nur Abgüsse sind. Doch durch die vielen, in diverser Bedeutungshinsicht klug gedrehten wie gewendeten Originale ist der Blick längst sensibilisiert. Das atmende Licht tut sein Übriges, um die grandiose Körperlichkeit dieser Artefakte zu beleben. Die Ausstellung, über der als Nenner wieder einmal auch das ewige Kunstthema von Ovids „Metamorphosen“ schwebt, hat nicht zu viel versprochen: Die Kumulation zweier Giganten lässt diese gemeinsam betrachten, aber auch einzeln genießen und gerade durch den Vergleich neu wertschätzen. Als Vision Michelangelos und als Aufbruch in eine neue Bildhauerzeit bei Rodin.

Ein letzter Blick gilt noch einmal dem rebellischen und dem sterbenden Sklaven. Sehen sie in diesem hellen, ihre Einzigartigkeit, aber auch ihre ungestüme, sehnige Sinnlichkeit offenbarenden Licht nicht gleich noch einmal unmittelbar nähergebracht aus? Rodin, ihr aufrichtigster Bewunderer, hat es verschuldet …

„Michelangelo und Rodin: Lebende Körper“, bis zum 20. Juli, Louvre, Paris

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