Culture

Steilvorlagen für jede schlimme Situation

Steilvorlagen für jede schlimme Situation

Immer muss die Kunst noch einen draufsetzen. Holbeins toter Christus ist gruselig genug. Jahrhunderte später hat Franz von Stuck dem Leichnam eine trauernde Maria beigegeben und beide mit derart dunkelwolkigem Pathos versiegelt, dass wir an dem Bild im Frankfurter Städelmuseum immer gern vorbeigehuscht sind. Jetzt muss man stehenbleiben, weil Elmgreen & Dragset eine Tragetasche mit puppigem Baby vor der „Pietà“ abgestellt haben. Schlimm. Schlimm, das Bild. Schlimm, das „Forgotten Baby“. Immer muss die Kunst noch alles schlimmer machen.

Michael Elmgreen und Ingar Dragset, Künstlerduo. Treten stets gemeinsam auf. Nie weiß man, wer wofür zuständig ist und wie man sich die Ideenproduktion als sozialen Akt vorzustellen hat. Es ist wie beim legendären Paar Fischli/Weiss, das sich jedes Mal kaputtgelacht hat, wenn man es in seinem Atelier nach dem Autor seiner skulpturalen Witze fragen wollte.

Wohl werden sie jetzt gleich anrücken, die verständnisinnigen Sinnproduzenten, werden abgründige Denkbrücken zwischen Tod und Leben spannen, zwischen fahlem Leichnam und schreiunfähigem Kunstkind. Es ist noch nie anders gewesen: Elmgreen und Dragset liefern Steilvorlagen für die hohe Interpretationskunst. Begnügen wir uns mit der Einsicht, dass wir wohl aus demselben Grund stehenbleiben, aus dem die Künstler stehengeblieben sind.

Ein Einfall, ein Reflex, ein Ideenblitz, der auch in der Ausführung kein bisschen von seiner Unergründlichkeit, seiner kuriosen, grotesken, befremdlichen, verstörenden Unauflösbarkeit verliert. Wenn es sie überhaupt gibt, die Methode Elmgreen und Dragset, dann besteht sie aus hochsensiblen Reaktionen, neugieriger Lebensumschau, verwunderter Weltbegegnung, aus lauter künstlichen Haltesignalen im Lauf der Dinge, Stolperstellen in der Museumsroutine: „Forgotten Baby“ vor der Andachtsikone.

Ein Werk im Sinne eines schöpferischen Ganzen, ein Werk, das von genialischem Formbewusstsein vorangetrieben würde, hat das dänisch-norwegische Zweierteam nicht vorzuweisen. Man kann die Künstler nicht ausstellen, wie man Maler, Zeichner oder Bildhauer ausstellt. Man lädt sie ein mit der freundlichen Aufforderung, etwas für diesen Raum, für diese Gelegenheit, für diese Situation zu schaffen.

Wenn die Einladung so großzügig ausfällt wie jetzt vom Frankfurter Städel und die Elmgreen-und-Dragset-Bühne geradezu straßenübergreifende Dimensionen annimmt, dann darf man sicher sein, dass man oben auf der Dachterrasse auf eine akrobatische Kletterfigur trifft, die die Skyline der Stadt genießt, und man mitten im ehrwürdigen Skulpturensaal des Liebighauses einem versteckten Knaben begegnet, der selbst versteckt hinter seiner VR-Brille den bezwingenden Eindruck macht, dass die ganze hehre Umgebung ihn einen Scheiß angeht.

Die Künstler brauchen den Widerpart der dingverstopften Welt, die bedenkliche Kulisse des designten Lebens. Sie brauchen das Gepäckband, auf dem unser Rollköfferchen verschwindet oder anrückt. Sie transportieren es direkt vom Flughafen ins Museum. Man wird der Solo-Tragetasche, die dort in Endlosschleife kreist, gewiss keine überirdische Botschaft entnehmen wollen, und doch wird man bei jedem künftigen Flughafenbesuch ans geduldige Taschenkreisen im Elmgreen-und-Dragset-Museum denken müssen.

Mager, aber magisch – das ist ihre Art der Szenoplastik. Man braucht die vielen Stellen gar nicht zu verraten, an denen die Einrichtungsgegenstände des Städelreichs aus dem Schlaf ihres mal banalen, mal grandiosen Daseins erweckt werden. Auffällig aber, dass sich die Kunstbaustellen bevorzugt an unauffälligen Stellen befinden, dort also, wo sich ohne viel Rhetorik Auffälligkeit generieren lässt. Anstelle reputierlicher Selbstbildnisse markieren sie zwei vergilbte Wandplätze mit Haken.

Man muss dem Reiz-Reaktions-Schema dieser Kunst nicht gleich mit unverbrüchlicher Anhängerschaft folgen. Dass die Künstler da und dort virtuelle Gesprächssituationen mit Stücken der Sammlung simulieren, ist wohl dem erhabenen Ort geschuldet, aber nicht so zum Stehenbleiben animierend wie das finstere Großraumbüro mit leeren Arbeitszellen, das zu allem Unglück noch den verheißungsvollen Titel „Garden of Eden“ trägt. Was ist da los? Streik? Insolvenz?

Als wir die Künstler einmal in ihrem Berliner Atelier besuchten, sagte Ingar Dragset mitten ins Schweigen hinein: „It’s fiction, not a reality show.“ Und sagte noch: „Wir stellen nur dumme Fragen, wir haben keine Antworten.“ Michael Elmgreen nickte dazu und sagte nichts, weil es doch nur wie eine Antwort wäre. Weshalb die Elmgreen-&-Dragset-Geschichten nie ein befriedigendes Ende finden und uns immer allein lassen mit unseren wuchernden Fantasien. Sollen wir davon erzählen, dass uns der tote Christus und die trauernde Maria weiter abhanden gekommen sind, während das „Forgotten Baby“ doch noch aufgefunden wurde und längst im Babboe-Cargorad durch die kunstlose Welt transportiert wird?

„Elmgreen & Dragset. Stillleben mit Gemüse“, bis 17. Januar, Städel Museum, Frankfurt/Main

„Elmgreen & Dragset. Stillleben mit Gemüse“, bis 17. Januar, Städel Museum, Frankfurt/Main

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