Politics

Lars Klingbeil zwischen Schröder-Erbe und Reformdruck der SPD

Lars Klingbeil zwischen Schröder-Erbe und Reformdruck der SPD
TTS-Player überspringenArtikel weiterlesen

Berlin – Es gibt Sätze, die die Welt verändern – nicht nur die der Sozialdemokraten: „Es gibt kein Recht auf Faulheit in unserer Gesellschaft“, sagte Bundeskanzler Gerhard Schröder (82, SPD) im April 2001 im BILD-Interview. Und leitete damit seine Reform-Politik (Agenda 2010, Hartz IV) ein. Die brachte Deutschland Wachstum – kostete Schröder aber vier Jahre später das Amt. Und war der Anfang eines historischen Niedergangs der großen Volkspartei SPD.

Im Wahlkreisbüro des Basta-Kanzlers Schröder saß damals ein 23 Jahre junger Politikstudent: Lars Klingbeil (48). Heute ist er SPD-Chef und Vizekanzler. Und steht, wie Schröder damals, vor der Frage: Bin ich Bremser oder Frontmann notwendiger Reformen? Und: Werde ich dabei zum Retter oder Totengräber meiner Partei?

Klingbeil ist kein Schröder. Er findet Macho-Sprüche blöd. Tritt sanft auf, als der nette Lars. Lieber rund als kantig.

Schröders Erbe – und sein Schatten über Klingbeil

Schröder war der Mann der Zumutung, der Kanzler mit dem Messer zwischen den Zähnen, der Sozialdemokrat, der seine Partei verwundete, um das Land zu verändern. Klingbeil ist vorsichtiger, kontrollierter, fast höflich in seiner Härte. Wo Schröder „Basta“ sagte, will Klingbeil reden, „sachlich, nicht populistisch“. Wo Schröder Türen eintrat, klopft Klingbeil an.

Klingbeil versteht Macht besser als Pathos. Er kann Mehrheiten organisieren, Karrieren beenden, Rivalen einhegen, Koalitionen stabilisieren. Er ist nett, aber nicht harmlos. Das wissen sie in der SPD spätestens seit der Bundestagswahl im Februar 2025. Obwohl er als SPD-Chef das historische Desaster (16 Prozent) zu verantworten hatte, beanspruchte er noch am Wahlabend die Führungsrolle für die Zukunft der Partei. Seine Co-Chefin Saskia Esken (64) drängte er raus, Ampel-Minister sägte er ab. Und machte sich als Parteichef, Vizekanzler und Finanzminister zum Machtzentrum der SPD.

Der „nette Lars“ greift nach der Macht

Früher gab es in der SPD die FroGs, die Friends of Gerhard, die Schröder bei den Wahlsiegen halfen. Heute reden sie, eher spöttisch, von den FroLs, den Friends of Lars. Weil er in Partei und Fraktion alle wichtigen Posten mit Vertrauten besetzte. Er glaubt fest daran, dass man in der Politik Erfolg organisieren kann. So wie im Scholz-Wahlkampf 2021, als Generalsekretär Klingbeil der Mann im Maschinenraum war. Nur steht er jetzt auf dem Oberdeck. Und im Maschinenraum strömt das Wasser rein. Die SPD verliert. An die AfD, die die neue Arbeiterpartei ist. An die Linke, die mit ihren Parolen gegen Reiche das fordert, was der Parteirechte Klingbeil seinen linken Genossen verweigert. An die CDU, der mehr zugetraut wird. An die Grünen, die moderner wirken.

In seinem Gesicht liegt selten Triumph, eher die angestrengte Geduld eines Mannes, der weiß, dass er eine Partei führen soll, die sich vor der eigenen Vergangenheit fürchtet. Die SPD hat aus Schröder gelernt, dass Reformen Wunden reißen können. Aber sie verdrängt, dass Reformvermeidung ebenfalls Wunden reißt – nur langsamer, leiser, schleichend.

Seit er selbst regiert, beschwört Klingbeil die Notwendigkeit von Reformen. Wirklich stolz ist er auf seine Rede nach den krachenden Wahlniederlagen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. Seine bislang mutigsten Sätze: „Wir werden als Gesellschaft insgesamt mehr arbeiten müssen.“ Und: „Wir können nicht jede Krise mit noch mehr Geld beantworten.“

SPD im Absturz – die Partei verliert die Kontrolle

Es ist seine Art, Zumutungen anzukündigen. „Lars wollte bewusst einen Bruch mit der auch von der SPD lange geschürten Erwartungshaltung, dass der Staat immer einspringt“, sagt ein Klingbeil-Vertrauter. Allerdings beschloss die Regierung direkt danach erst mal den knapp 2 Milliarden teuren Tankrabatt. Auch das gehört zu Klingbeil.

Seine Geschichte ist noch nicht auserzählt. Er selbst stört sich schon lange am Bürgergeld. Wer ihn kennt, weiß: Es nervt ihn, dass sich seine Partei mehr um Stütze-Empfänger als um Arbeiter sorgt. Auch wenn er lange kaum lautstark dagegenhielt. Jetzt muss sich entscheiden: Wie mutig ist er, wenn er sich in den nächsten Wochen mit Kanzler Friedrich Merz (70, CDU) auf Reformen einigen muss: Steuern, Rente, Pflege, Bürokratie, Arbeitsmarkt.

Klingbeil jammert nicht öffentlich, nie. Aber er findet es wahnsinnig ungerecht, dass Union und Arbeitgeber ihn und seine Partei als Reform-Bremser beschimpfen. Bei Vertrauten lässt er schon mal seinen Frust raus. Er habe doch die SPD bei all den Migrationsverschärfungen ruhig gehalten, das Bürgergeld abgeschafft, die Klimapolitik entschärft, Heizgesetz, Verbrenner-Aus.

Im Herbst droht Klingbeil ein Aufstand der Partei

Ihm schwant: Gehen die Landtagswahlen im September schief, also falls die SPD in Sachsen-Anhalt aus dem Landtag fliegt und Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (52) ihr Amt in Meck-Pomm verliert, wäre es das Aus für ihn. Mindestens als Vorsitzender der SPD. Und womöglich auch als Finanzminister und Vizekanzler. Ein erfahrener Genosse: „Wenn die Wahlen knattern gehen, rollt der Parteiaufstand gegen ihn los.“

Klingbeil ist bodenständig wie seine Wähler in Munster im Lüneburger „Heidekreis“. 15.000 Einwohner, zwei Truppenübungsplätze. Größte Garnison des deutschen Heeres. Hier wird er 1978 geboren, als Sohn eines Unteroffiziers und einer Kiosk-Verkäuferin. Als Zuverdienst fahren beide abends und am Wochenende Taxi. „Meine Eltern haben sehr viel gearbeitet“, erzählt er BILD. „Und deswegen war ich dann manchmal, als der Kindergarten vorbei war, einfach mit dabei im Taxi. Ich habe meinen Eltern sehr viel zu verdanken. Ich bin der erste in der Familie, der Abitur gemacht und studiert hat. Aufstieg durch harte Arbeit und Leistung: Dieses Prinzip prägt mich bis heute.“

Als Teenager fremdelte Klingbeil zunehmend mit dem Militär und seinem System aus Hierarchie, aus Befehl und Gehorsam. Er begann, sich die Haare wachsen zu lassen, trug ein Augenbrauen-Piercing, wurde Frontmann einer Rockband („Sleeping Silence“). Sein Vater störte sich wenig am neuen, wilden Lars.

Andere schon! „Ich hatte eine Freundin, deren Vater war Offizier“, erzählt Klingbeil im Funke-Podcast. „Und der fand es ganz furchtbar, dass seine Offiziers-Tochter mit einem Unteroffizierssohn zusammen war, der auch noch links war, und Sänger in einer Rockband und sitzen geblieben in der 9. Klasse. Das passte nicht. Das hat mich geprägt, das hat mein Gerechtigkeitsempfinden gestört.“

Bis heute kann er es nicht leiden, „wenn sich jemand für etwas Besseres hält“. Sicher ist es für ihn eine besondere Herausforderung, mit einem Kanzler arbeiten zu müssen, von dem man sagt, er sei oft ein bisschen von oben herab.

Dass er mit Friedrich Merz dennoch Vertrauen und Respekt aufbauen konnte, macht Klingbeil stolz. Was er am meisten am Kanzler schätzt? „Ich kann mich darauf verlassen, dass die Dinge, die wir unter vier Augen besprechen, unter uns bleiben.“

Doch seit dem gescheiterten Reformgipfel in der Berliner Villa Borsig im April hat das Verhältnis einen Knacks. Der Kanzler, so erzählen es Teilnehmer, bestritt vor der Verhandlerrunde gemeinsame Absprachen mit seinem Vize zu Haushalt und Steuern. Klingbeil, den wenig mehr aufregt als Wortbruch, zischte daraufhin, er könne eine entsprechende SMS des Kanzlers vorlesen. Das habe zum Wutausbruch von Merz geführt. Beide mussten sich erst mal in getrennten Räumen wieder abregen.

Seit dem Borsig-Zoff hat die AfD um weitere drei Prozentpunkte zugelegt, Union und SPD verloren zusammen 5 Punkte!

Jetzt nehmen sie einen neuen Anlauf zum Reformaufschlag. Klingbeil sagt: „Ich will, dass Deutschland ein starkes Land bleibt. Dafür will ich alles geben.“ Ob er dafür auch seine Macht und Ämter riskiert – offen.

Bei der Einkommenssteuerreform muss er liefern. „Wenn am Ende für eine Erzieherin nicht mehr als ein Cappuccino zusätzlich im Monat rumkommt, bläst er es lieber ab“, so ein Vertrauter.

Mehrere Modelle liegen auf seinem Schreibtisch. Noch hat er nicht entschieden. Klingbeil geht bei sowas vorsichtig vor, manche sagen pedantisch.

Am Freitag hat er länger im Bundestag mit Ex-Kanzler Olaf Scholz (67, SPD) gesprochen, hinter einem Sichtschutz im Plenum. Noch redet er, der nette Lars. Tastet ab. Viel Zeit bleibt ihm nicht.

You may have missed