Culture

Er erforschte die Komplexität des Bösen

Er erforschte die Komplexität des Bösen

Vor einem unscheinbaren Gründerzeitbau im 20. Wiener Gemeindebezirk Brigittenau hat sich eine kleine Menschengruppe versammelt. Die gelbliche Fassade der Wallensteinstraße 9 strahlt in der Vormittagssonne. Die Ecke zur Treustraße ist seit Kurzem autofrei, mit den neuen Bänken wirkt sie inzwischen wie ein kleiner Platz. Doch nichts erinnert hier daran, dass vor 100 Jahren der später weltberühmte Holocaust-Forscher Raul Hilberg in diesem Haus geboren wurde und aufwuchs. Keine Gedenktafel, kein Denkmal, keine Straßen- oder Platzbenennung. Nur diese Menschen, die für einen Rundgang auf Hilbergs Spuren gekommen sind, unter ihnen viele Hilberg-Forscher und -Schüler, manche sogar aus den USA oder Kanada.

Die Brigittenau war vor 100 Jahren ein Zentrum des jüdischen Lebens in Wien. Hilbergs Eltern waren Juden aus Galizien, die sich in Wien kennenlernten. Sie waren nicht sehr religiös, selten gingen sie in die nur wenige Schritte entfernte Synagoge. Der kleine Raul, das einzige Kind der Hilbergs, nach dem damaligen Burgtheater-Star Raoul Aslan benannt, hielt lieber Ausschau nach den Schiffen am nahegelegenen Donaukanal, schaute sich die Züge am Nordwestbahnhof an oder streifte durch den Augarten.

Doch 1938 war seine Kindheit mit einem Schlag vorbei, als die Nazis kamen. Die SA trieb die jüdischen Gäste aus dem Café Treuhof im Erdgeschoss des Hauses auf die Straße, wo sie unter dem Hohngelächter der Passanten gedemütigt wurden. Die Familie wurde mit den Novemberpogromen aus der Wohnung vertrieben, der Vater verhaftet. Damals schwor sich Hilberg, so hat er es selbst kolportiert, eines Tages all das aufzuschreiben.

„That’s your funeral“

An jenem Tag, als der Zweite Weltkrieg begann, landete Hilberg als 13-Jähriger über Kuba in den USA. Er war allein, die Eltern kamen im Jahr darauf. Wer von der riesigen Familie – der Vater hatte 9, die Mutter 17 Geschwister – nicht fliehen konnte, wurde ermordet. Zurück nach Europa kam Hilberg erst als Soldat der US-Army, seine Einheit befreite das KZ Dachau. In München stieß er auf die in Kisten verpackte Privatbibliothek Adolf Hitlers.

Zurück in den USA, studierte Hilberg Politikwissenschaft unter anderem bei Franz Neumann aus dem Kreis der Frankfurter Schule. „That’s your funeral“, sagte der Professor zu seinem Studenten, als der ihm eröffnete, die Vernichtungsmaschinerie Nazi-Deutschlands zu untersuchen. Tatsächlich blieb Hilberg lange ein akademischer Außenseiter, den es ab Mitte der 1950er Jahre in die Nähe der kanadischen Grenze verschlug – nach Burlington, Vermont. Dort lebte Hilberg bis zu seinem Tod 2007.

1961, während Adolf Eichmann gerade der Prozess in Jerusalem gemacht wurde, veröffentlichte Hilberg das Buch, das heute als Standard- und Gründungswerk der Holocaust-Forschung gilt, auch wenn das Wort Holocaust damals noch nicht gebräuchlich war. In „Die Vernichtung der europäischen Juden“ fasste Hilberg auf fast tausend Seiten zusammen, was er in mehr als einem Jahrzehnt Arbeit in den Archiven gesichtet hatte. Er sammelte die Beweise, wie sich die gesamte deutsche Gesellschaft von Politik und Beamtenapparat über Justiz, Polizei und Militär bis Kirche und Zivilgesellschaft an der Verfolgung und Vernichtung beteiligte. Dass Hilberg allerdings auch den fehlenden jüdischen Widerstand ansprach, führte zu heftiger Ablehnung, unter anderem in Israel, wo sein Hauptwerk erst 2012 in hebräischer Übersetzung erschien.

„Wir haben die Ausreden satt“

Hilberg zeigte mit der hochgradig arbeitsteiligen Organisation des Holocausts die Komplexität des Bösen. Mit Hannah Arendt, die in „Eichmann in Jerusalem“ die berühmte Formulierung von der Banalität des Bösen prägte, konnte er wenig anfangen, auch beschuldigte er sie zeitlebens des Plagiats. Mit Büchern wie „Täter, Opfer, Zuschauer“ und „Die Quellen des Holocausts“ wurde Hilberg zum weltweit anerkannten „Doyen der Holocaust-Forschung“, wie ihn der Historiker René Schlott nennt. Schlott, der über Hilberg habilitiert hat und von dem im Herbst die Biografie „Raul Hilberg. Den Holocaust erforschen“ erscheint, ist einer der Redner bei dem Hilberg-Symposium im Wiener Wiesenthal-Institut für Holocaust-Studien, das sich an den Stadtrundgang mit Station vor Hilbergs Geburtshaus anschließt. Ein ehemaliger Hilberg-Schüler hat alte Fotos aus Burlington mitgebracht, andere Forscher würdigen die Arbeit von Hilberg.

Doch der Ärger unter den Hilberg-Forschern ist groß. Bereits kurz nach Hilbergs Tod soll die Stadt Wien eine Straßen- oder Platzbenennung erwogen haben, passiert ist seitdem nichts. Und dass an Hilbergs Geburtshaus, das heute Ferienapartments beherbergt, nicht einmal eine Plakette angebracht wurde, gilt auf dem Symposium als Skandal. Interessiert man sich in Wien nicht für den vertriebenen und später weltberühmten Sohn der Stadt? Man muss sich nur den Auftritt der Bezirksvertreterin vor dem Geburtshaus am Vormittag anschauen, der wie die Karikatur von Gedenkpolitik wirkte. Erst wird in drei halbgaren Sätzen ein phrasenhaftes „Nie wieder!“ abgeworfen, danach war die offizielle Vertreterin der Stadt nicht mehr gesehen. Die Forscher haben genug: Eine handschriftliche Resolution wird aufgesetzt und macht zum Unterschreiben die Runde. „Wir haben die Ausreden satt“, sagt Schlott. „Das ist eine Frage des politischen Willens.“

Die Chance, den großen Pionier der Holocaust-Forschung an seinem 100. Geburtstag zu ehren, hat die Stadt Wien krachend verpasst. Besser machen kann man es, sofern man das denn will, bereits im nächsten Jahr, wenn sich Hilbergs Todestag zum 20. Mal jährt. Gründe, warum Hilberg heute wieder mehr ins öffentliche Bewusstsein gerückt werden müsste, gibt es mehr als genug. Vielleicht nur diesen hier: Hilbergs Werke zeigen präzise, dass man Aufarbeitung der Vergangenheit nicht mit dem Moraltheater der Gegenwart verwechseln darf, das sich auf drei Klicks bei „Deutschland sucht den Nazi-Opa“ inklusive anschließender Selbsthilfesitzung bei Instagram beschränkt. Erinnerung ist mehr als ein paar Parolen, die bei staatstragenden Gelegenheiten abgespult werden. Vielleicht schafft es die Stadt Wien sogar, nicht nur eine pflichtschuldige Plakette anzubringen, sondern die Auseinandersetzung mit Hilbergs großem Werk in den Stadtraum zu bringen, wie es der Bedeutung seiner bahnbrechenden Arbeit würdig wäre.

You may have missed