Marilyn Monroe strahlte von der Leinwand in dunkle KinosĂ€le hinein. In einer Parodie der Hingabe hatte sie oft die Augen halb geschlossen. Marilyn und Norma. WeiĂblonde Haarwolke. Glitzernde, um ihre Form herum zitternde Kleiderfalten. Marilyn und Norma. Scheu-hoffnungsvoll lĂ€chelnder Mund, weit ĂŒber die RĂ€nder hinaus geschminkt. Eine traurig-frohe Diva, vielleicht eine der letzten, unruhig, aufgebracht, stets zu Hause im inneren Anderswo und immer da, um grenzenlos beschaut zu werden. Marilyn war einmal die schönste Frau der Welt, fĂŒr viele ist sie es noch immer, die Verkörperung des Stars schlechthin, hyperbolisch, weiblich, sexuell â kĂŒnstlich und natĂŒrlich zugleich, die herrlichste OberflĂ€che der Menschheit.
Am ersten Juni wĂ€re sie 100 Jahre alt geworden. Ihre Ăra scheint vergangen, die Fragen, wie sie ausgesehen hĂ€tte, wĂ€re sie nicht so frĂŒh an einer Ăberdosis Schlaftabletten gestorben, sind gefĂŒhlt verstummt. Einigen gilt Marilyn nicht einmal mehr als besonders schön oder interessant, sondern als patriarchatsversklavtes Ăberbleibsel eines spĂ€testens seit #MeToo ĂŒberholten Hollywoods. In Zeiten von DiversitĂ€t und Inklusion ist es verlockend, Marilyn als zu weiĂ und zu unterjocht zu lesen, ihr LĂ€cheln als zu heischend zu empfinden und ihre Weiblichkeit als zu altmodisch.
Ist sie auf dem Grabbeltisch der Popkultur gelandet? Ihre Kleider wurden versteigert, ihre Schuhe, Lippenstifte, selbst ihre Haare. Ăberall poppt ihr Bild auf: auf Pizzakartons, Kugelschreibern und Tassen, echt oder KI-gefĂ€lscht. Es gibt Marilyn als Stehlampe, Pin-up-Statuette, Strassbrosche. Stars wie Billie Eilish, Madonna, BeyoncĂ©, Lindsay Lohan, Anne Hathaway, Cindy Crawford kopieren Marilyns Aussehen, nach deren eigenem Motto: âEs ist besser, vollkommen lĂ€cherlich zu sein als vollkommen langweiligâ â nur dass Marilyn diesen Satz ernst meinte. Sie fĂŒgte hinzu: âUnvollkommenheit ist Schönheit, Genie ist Wahnsinn.â
Das, was sie mache, habe keinen bleibenden Wert, sagte sie selbst von sich. Und doch lĂ€sst Marilyn uns bis heute nicht los. Google Trends verzeichnet eine steigende Tendenz der Suchen nach ihr. Die Welt drĂ€ngelt weiter um Marilyn Monroe herum, insbesondere jetzt zum JubilĂ€um. Immer gibt es noch etwas zu entdecken: Notizen, Zettel, Schnipsel, Bilder werden ausgepackt, Memoiren berichten von ersten oder letzten Treffen. ACC Art Books gibt âMarilyn Monroe 100: The Official Centenary Bookâ heraus, mit bombastischen Bildern, kuratiert von Monroes Nachlassverwaltung.
FĂŒr Monroes Geburtstag plant die Stadt Palm Springs auf dem Platz der âForever Marilynâ-Statue die Feier âMarilyn 100â und einen Weltrekord. Erwartet werden 500 Marilyn-DoppelgĂ€ngerinnen, die eine Kopie des weiĂen Kleides tragen sollen, in dem Marilyn 1955 in Billy Wilders âDas verflixte 7. Jahrâ ĂŒber einem U-Bahn-Schacht stand und ein Luftzug ihren Rock hochwehte. Das Kleid hatte zuletzt der Schauspielerin Debbie Reynolds gehört, die es 2011 fĂŒr ĂŒber 4,6 Millionen Dollar versteigerte. Das Academy Museum of Motion Pictures in Los Angeles zeigt ab dem 31. Mai die Ausstellung âMarilyn Monroe: Hollywood Iconâ.
Marilyn Monroe kam am 1. Juni 1926 in Los Angeles als Norma Jeane Mortenson zur Welt. Sie wuchs in WaisenhĂ€usern und zwölf Pflegefamilien auf. Ihre Mutter Gladys war psychisch schwer erkrankt und nicht erziehungsfĂ€hig. Fast niemand gab Marilyn je Spielzeug. Sie sei âOliver Twist in MĂ€dchenkleidernâ gewesen, sagte sie. Als junge Frau hatte sie starke Perioden, die ihre Kleider durchbluteten. Jubelten die Menschen ihr zu, schwitzte sie vor Angst und versteckte sich auf öffentlichen Toiletten. In Filmen wie âManche mögenâs heiĂâ (1959), âNiagaraâ (1953), âThe Prince and the Showgirlâ (1957) war sie meist Showgirl oder Femme fatale. Fotografiert von berĂŒhmten Fotografen wie Alfred Eisenstaedt, Richard Avedon, Arnold Newman und Milton Greene, war sie dreimal verheiratet, unter anderem mit dem Baseballstar Joe DiMaggio und dem Schriftsteller Arthur Miller; AffĂ€ren mit den Kennedy-BrĂŒdern und Frank Sinatra wurden ihr nachgesagt.
Sie trank morgens Kaffee mit Gin und den Rest des Tages Champagner, nahm Pillen, Schlafmittel, kam zeitweise in die Psychiatrie. Das Problem sei nicht, dass sie eine dumme Blondine war, sondern dass sie nicht blond und nicht dumm war, sagte ihr erster Agent. Marilyn Monroe hatte als eine der ersten Frauen in Hollywood eine eigene Produktionsfirma, sie schrieb Gedichte â mehr schlecht als recht, aber immerhin â und las. Nach ihrem Tod fand sich in ihrem Haus neben einer spĂ€rlichen KĂŒchenausrĂŒstung, einem Paar abgelaufener Ferragamo-Herrenschuhe und aus Mexiko mitgebrachten Ziertellern eine beeindruckende Bibliothek: Robert Frost, Thomas Wolfe, Sophokles, Dostojewski, Platon, Freud, dessen Werk sie aus Angst vor der Erblichkeit der Geisteskrankheit ihrer Mutter interessierte, sogar ein Buch ĂŒber Snobismus, etwas zum Börsenmarkt, die neuesten TheaterstĂŒcke und mehr.
Von ihrem letzten Filmprojekt âSomethingâs Got to Giveâ wurde sie gefeuert. Regisseure konnten ZeitplĂ€ne nur selten einhalten, weil Marilyn nicht am Set erschien oder nur mit VerspĂ€tung, oft vergaĂ sie ihre Texte. Arthur Miller beschrieb in seinen TagebĂŒchern, wie ihre NĂ€he ihn beim Schreiben blockierte. So war Marilyn Glamour und TrĂŒmmerhaufen zugleich. Sie setzte sich selbst auĂer Betrieb, war der begehrte Star, der vor dem eigenen Image floh. Bewunderer nannten sie âGöttinâ. Sie antwortete: âIch möchte einfach nur geliebt werden wie ein ganz normales MĂ€dchen.â
Nicht lange vor ihrem Tod am 4. August 1962 hatte sie ihr erstes Haus gekauft, 12305 Fifth Helena Drive in Brentwood, ein Bungalow im Hacienda-Stil mit orangeroten Dachziegeln, drumherum Bougainvilleas und Palmen. Meist waren die Jalousien herabgelassen. Am Tag ihres Todes nahm Marilyn noch eine Möbellieferung an, an den FĂŒĂen splitterte ihr Nagellack ab, der Haaransatz war ungefĂ€rbt und wuchs dunkel nach. Sie schien glĂŒcklich, sagte der Lieferant spĂ€ter, der ihren Namen nicht erkannt hatte. Als Marilyn ihr Haus kaufte, wollte sie die Garage in einen möblierten Safe Space fĂŒr Freunde verwandeln. Jeder, dem es nicht gut ginge, solle bei ihr wohnen, um wieder zu sich zu kommen, sagte sie.
Wer war Marilyn Monroe? FĂŒr Kim Kardashian, die auf der Met Gala ein mit Tausenden Kristallen besticktes âHappy Birthday, Mr. Presidentâ-Kleid trug, war sie âdas Amerikanischsteâ ĂŒberhaupt. FĂŒr den Regisseur John Huston, mit dem Monroe ihren ersten wichtigen Film âAsphalt Jungleâ und ihren letzten âThe Misfitsâ drehte, in dem ihr der Ăbergang zum sozialkritischen Schauspiel gelang, war sie die Verkörperung der KĂŒnstlerin schlechthin. Die Ăbersetzung innerer Melodien in sinnlich erfahrbare Formen, die am Rand von verzweifelter Einsamkeit entstehen. âEs war alles da, von Anfang anâ, sagte Huston. âIhr Genie, so will ich es mal nennen. Ihr Wahnsinnâ habe sich angefĂŒhlt, als habe sie ihm âan die Eier gefasstâ. Von ihrem Genie sprach auch ihr erster Fotograf Tom Kelley, der das berĂŒhmte âNacktbild auf rotem Samtâ schoss, das 1953 in der ersten Ausgabe des âPlayboyâ zu sehen war. Dessen Herausgeber Hugh Hefner sah in Marilyn eine Seelenverwandte. Wie Hefner war Monroe klĂŒger und intellektueller, als es das Klischee will. Auf dem kleinen Westwood Village Memorial Cemetery in der NĂ€he ihres Hauses ist Hefner neben Monroe in einem Wandgrab bestattet. Er habe nie woanders liegen wollen, sagte er.
Tom Kelley ahnte Marilyns kurzes Leben voraus, ein verwirrtes, traumgleiches Puzzle mit fĂŒr immer fehlenden Teilen. Ăhnlich schrieb Norman Mailer ĂŒber sie, sie habe âkeine klare Kontur auf der Leinwandâ, sei weniger Frau als âWolke schwebender Sinne in der Form Marilyn Monroesâ. Bereits 1954 hatte Willem de Kooning Marilyn gemalt, als vages buntes Gebilde aus Farben und Strichen.
Auf manche wirkte Marilyns Lachen schrill und babyhaft, andere beschrieben es als Luststöhnen. Sie wurde als göttlich und kindlich beschrieben, einfĂ€ltig und tief, lustig und erotisch. Was wĂ€re faszinierender und gnadenloser als Marilyns unauflösbare Ambivalenz? Gerade heute, wo gespaltene Gesellschaften die Dinge schematisch als A oder B begreifen, schwarz oder weiĂ, und jeder x-beliebige Celebrity sich auf Social Media verbreitet, nichts mehr rĂ€tselhaft und diffus wirkt, wirken darf. Wegen der Ambivalenz, alles und nichts zu sein, ist Marilyn Monroe perfekte ProjektionsflĂ€che geblieben, Verkörperung der Macht der Schönheit, ob naturgegeben oder geschminkt.
Und als hĂ€tten Mailer und de Kooning es geahnt: Ihre letzten Bilder zeigen Marilyn Monroe gelöster, im oder am Wasser. Drei Monate vor ihrem Tod fotografierte Lawrence Schiller sie nackt im Pool (âMarilyn and Meâ, Taschen, 2026). Alabasterhaut und roter Mund, aber auf vielen Bildern sind ihre Haare nicht mehr toupiert, das Gesicht wirkt weniger geschminkt.
Ein paar Wochen vor ihrem Tod fotografierte George Barris sie am Strand von Santa Monica. Es sind die vielleicht erstaunlichsten Bilder, die je von ihr gemacht wurden: Die Make-up-Kruste ist bis auf den Lidstrich weg. Ihr Mund, ikonischster und maskenhaftester Körperteil, ist ungeschminkt. Vor allem aber: Die Sommersprossen, die sie ĂŒberall hatte, im Gesicht, am DekolletĂ©, an den Armen, sind zum ersten Mal nicht ĂŒberschminkt. Auf manchen Bildern ist sie fast nicht zu erkennen. Als sei sie, kurz vor ihrem Tod, von dem sie nichts ahnte, der Pin-up-Maske mĂŒde geworden. WĂ€hrend des Shootings habe sie nur von frĂŒher gesprochen, als sie noch Norma Jeane war, schreibt Barris in seinen Memoiren. Marilyn und Norma â irgendwo zwischen ihren Bildern, den letzten oder allen vorigen, ist eine von ihnen oder sind sie beide. Zuweilen verschwinden sie und fĂŒgen sich sogleich wieder zusammen, immer anders und immer gleich.