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Der Letzte aus der größten Generation des modernen Jazz

Der Letzte aus der größten Generation des modernen Jazz

Sonny Rollins lebte schon lange in dem Wissen, dass mit ihm einmal eine Ära zu Ende gehen würde. Miles Davis, Bud Powell, Thelonious Monk, John Coltrane – all jene also, mit denen der in Harlem geborene Tenorsaxofonist in den 1950er Jahren als Jüngster im Bunde das Fundament für den modernen Jazz gelegt hatte. Sie waren ihm schon längst in die Ewigkeit vorausgegangen. Außer ihm sei keiner aus der ersten Garde des Jazz mehr da, tat er 2008 vor seiner letzten großen Deutschlandtournee kund, und er sei sich der Verantwortung für die Be- und Hardbop-Gründergeneration bewusst: „Damals haben wir uns eines geschworen: Wer auch immer am längsten lebt und noch die Kraft hat, unsere Ideale und Ideen an junge Generationen weiterzutragen, wird das tun, so lange er kann.“

Sein Konzert in der Berliner Philharmonie 2008 war die Bestätigung dafür, wie ernst Rollins seine Aufgabe nahm. Er ließ den Hörer daran teilhaben, wie er an sich einfache Ton-Dichtungen in reißende Bewusstseinsströme verwandelte. Duke Ellingtons „In A Sentimental Mood“ spielte er, oder auch, als Verbeugung vor dem deutschen Publikum, Friedrich Hollaenders „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“.

Es war so, als könne man dem Mann mit Sonnenbrille und dem wehenden weißen Haarschopf beim Spielen direkt in den Kopf schauen: Ein blitzendes, schillerndes Neuronenfeuerwerk offenbarte sich da, das Gestalt in Rollins’ kratzendem, knurrendem, kantigem Saxofonton annahm. Immer neue Wendungen rang der Hüne den Motiven ab, unermüdlich fand er verwegene Lösungen für Fragen, die er an die Kompositionen gestellt hatte. Niemand unter den Lebenden konnte das auf dem Tenorsaxofon besser und eigenwilliger als er, der „Saxophone Colossus“, wie ein Plattentitel aus dem Jahr 1956 seinen Denkmalstatus schon früh vorweggenommen hatte.

Rollins, der 1930 als Sohn eines Angestellten der US-Navy und einer von den westindischen Inseln stammenden Mutter auf die Welt gekommen ist, mochte sich nie für Versuche erwärmen, sein Tun zu musealisieren. Wer sich der Improvisation, dem Ad-hoc des musikalischen Vortrags so vollständig verschrieben hatte wie er, lebte ständig im Hier und Jetzt. In Interviews pflegte er nicht über seine aktuellen Albumveröffentlichungen zu sprechen, sondern sinnierte lieber über das Solieren als Königsdisziplin des Jazz oder über die Suche nach dieser einen, alles in sich bergenden Note, der Rollins sein Leben verschrieben hatte. Aus jedem seiner Worte sprach eine ungeheure Demut.

Vielleicht wird man so, wenn man sich einer Sache ganz, mit Leib und Seele verschrieben hat. Für sein Perfektionsstreben, seine beständige Unzufriedenheit mit dem Ist-Zustand seines Spiels und den Mut, daraus entsprechende Konsequenzen zu ziehen, war Rollins schließlich bekannt. Geradezu bildhaft wurde dieses Eigenbrötlertum, als sich Rollins 1959, auf dem ersten Höhepunkt seines Ruhmes, nach Platten-Klassikern wie „Saxophone Colossus“, „Tenor Madness“ oder der als Protest gegen den allgegenwärtigen Rassismus eingespielten „Freedom Suite“, für zwei Jahre komplett von den Bühnen und Aufnahmestudios zurückzog.

Er übte stattdessen alleine auf der Williamsburg Bridge in New York, um im stundenlangen Anblasen gegen den zischenden Wind dort oben seine Beherrschung des Saxofons zu verbessern. „Die Frau nebenan in meinem Mietshaus war schwanger“, erzählte Rollins dem Autor dieser Zeilen einmal über die berühmte Episode, „ich fand es nicht okay, zu Hause den ganzen Tag bei voller Lautstärke zu üben.“ Zwischen 1968 und 1971 verschwand der Saxofonist erneut von der Bildfläche, diesmal ging er nach Japan und Indien, um Yoga und Buddhismus zu studieren.

Der einsame Saxofonist auf der Brücke – es war nicht das einzige Mal, dass der um Erleuchtung und Verbesserung ringende Jazz-Arbeiter Sonny Rollins zu einer Ikone der Popkultur werden sollte. Mit dem Irokesenkamm, den er sich 1963 als Zeichen seiner Verbundenheit mit den amerikanischen Ureinwohnern zulegte, wurde er gewissermaßen zum ersten Punk. Sein ulkiges Plattencover für die Einspielung „Way Out West“, auf der sich Rollins für den Fotografen William Claxton als Cowboy inszenierte, fand unzählige Nachahmer überall auf der Welt, so zum Beispiel Helge Schneider. Sonny Rollins war über jeden Verdacht der kulturellen Aneignung erhaben.

Der unermüdlich Solierende mit dem satten Ton wurde irgendwann zum Inbegriff des Jazzmusikers an sich. In der Serie „Die Simpsons“ ist er das große Vorbild von Lisa Simpson und ließ es sich nicht nehmen, in einer der Folgen („Whiskey Business“) seine Stimme erklingen zu lassen. Von einem anderen Fan, Barack Obama, bekam er 2011 mit der National Medal of the Arts die höchste Künstler-Auszeichnung der USA verliehen.

Obwohl er unter anderem auch von den Rolling Stones verehrt wurde, auf deren Album „Tattoo You“ er zu hören ist: Popstar-Allüren, wie sie Miles Davis hatte, sein Freund und Förderer aus jungen Jahren, waren Rollins fremd. Selbst, als der Saxofonist nach seiner zweiten Auszeit in den 1970ern und 1980er Jahren vermehrt mit R&B- und Funk-Elementen hantierte, geschah das nicht aus Provokation oder gezielten kommerziellen Interessen heraus. Ganz gleich, was er spielte – Standards aus dem Great American Songbook, berühmte Eigenkompositionen wie seine Calypso-Nummer „St. Thomas“ – ihn schien nur zu interessieren, wie er das Material zu seiner eigenen, persönlichen Musik machen konnte.

Umso härter muss es für ihn gewesen sein, als er 2014 aufgrund einer Lungenerkrankung das Tenorsaxofon für immer an den Nagel hängen musste – möglicherweise als Spätfolge der Terrorattacken vom 11. September 2001, bei denen der Saxofonist von Hilfskräften aus seiner Wohnung in Manhattan befreit wurde. Vier Tage später stand er damals wieder auf einer Bühne und ging seiner Lebensbestimmung nach: neue Melodien aus dem Augenblick heraus erfinden. Man kann das für die Ewigkeit festgehaltene Ergebnis auf der Live-Einspielung „Without a Song: The 9/11 Concert“ hören.

Am Nachmittag des 25. Mai ist Theodore Walter Rollins, genannt Sonny, der letzte Irokese aus der Gründerzeit des modernen Jazz, in seinem Haus in Woodstock im US-Bundesstaat New York gestorben. Möge er dort, wo er sich jetzt befindet, die eine perfekte Note finden, nach der er immer suchte.

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