Metulla ist mehr als ein Ort – die nördlichste Gemeinde Israels gleicht einer Melodie aus Vogelgesang. Doch immer wieder übertönen Explosionen die Stimmen von Blaukehlchen und Goldpirolen. Metulla ist die am weitesten im Norden gelegene Ortschaft Israels. Sie liegt knapp zehn Kilometer nördlich von Kirjat Schmona an der Grenze zum Libanon. Und Metulla wirkt wie eine Geisterstadt.
Auf der fast leeren Zufahrtsstraße fährt nur Bauarbeiter Itzik mit dem Fahrrad. Der Krieg belaste vor allem die Kinder, sagt er. Früher habe man friedlich mit den Nachbarn im Libanon gelebt. Heute macht er die Hisbollah und ihren iranischen Einfluss für die Zerstörung dieser Normalität verantwortlich. Von der harten Linie Israels gegen die Terroristen ist er überzeugt: „Versteh doch – das sind Tiere, keine Menschen!“, sagt Itzik.
Während des Gesprächs starten direkt über unseren Köpfen israelische Raketen Richtung Libanon. Obwohl offiziell ein Waffenstillstand gilt, erklärte Israels Premierminister Benjamin Netanjahu in dieser Woche erneut den Kampf gegen die Hisbollah zur Priorität. Das Militär habe bereits Hunderte Terroristen getötet, müsse den Druck aber weiter erhöhen.
Hinter der neuen Offensive stehen mehrere Gründe: Die Hisbollah setzt ihre Raketen- und Drohnenangriffe fort, obwohl sie durch spektakuläre israelische Operationen – darunter die Explosionen von Pagern von Hisbollah-Mitgliedern und die Tötung ihres langjährigen Chefs Hassan Nasrallah – schwere Verluste erlitt.
In Metulla unterstützen viele Bewohner den harten Kurs von Netanjahu. Lehrerin Anat lebt seit 34 Jahren in der Stadt. Ihre Schule ist geschlossen, ihr Hund zittert bei jeder Explosion. Dennoch sagt sie: „Wir hören lieber unsere Armee als die Hisbollah.“ In ihrem Vorgarten liegt zwischen Gartenzwergen ein Raketentrümmer.
Auch Barkeeper Niv hofft auf ein Ende der Kämpfe durch einen Sieg gegen die Hisbollah. „Netanjahu soll durchziehen und die Hisbollah von hier wegschaffen, damit wir endlich in Ruhe leben können, ohne Explosionen“, sagt Niv. Statt Studenten und Partys herrscht Leere. Er träumt davon, dass Pubs und Geschäfte wieder öffnen und das normale Leben zurückkehrt.
Wie real die Gefahr ist, zeigt das Haus des über 80-jährigen Leon. Vor wenigen Tagen schlug eine Rakete in sein Dach ein. Wie durch ein Wunder überlebten er und seine Pflegerin. Israels Präsident Herzog rief ihn an. Leons Antwort: „Ich bin einfach froh, noch am Leben zu sein.“ Später wird die Armee melden, dass in der Nähe eine israelische Soldatin bei einem Drohnenangriff getötet wurde. Zwei weitere Soldaten wurden verletzt.
Jenseits des Grenzzauns zu Metulla sehen wir ein zerstörtes libanesisches Dorf. Der Libanon meldete zuletzt mehrere Tote durch israelische Angriffe, darunter auch Zivilisten. Israel verweist darauf, dass die Hisbollah Wohngebiete für Waffenlager, geheime Tunnel und Raketenstellungen nutze.