Toledo (Spanien) – Eigentlich ist Apotheker Antonio García (78) längst im Ruhestand. Die familieneigene Apotheke im spanischen Urda führt inzwischen seine Frau. Doch als er am Mittwochmorgen beim Frühstück von einem Zugunglück nahe seiner Heimatstadt in der Provinz Toledo hörte, zögerte er keine Sekunde. Er ließ alles stehen und liegen, setzte sich ins Auto und fuhr zur Unglücksstelle, um zu helfen. Noch ahnte er nicht, welches Grauen ihn dort erwartete – und dass er wenig später die Vorräte seiner Apotheke aufbrauchen würde, um Menschenleben zu retten.
Als García die Unglücksstelle auf der Bahnstrecke von Madrid nach Sevilla erreichte, bot sich ihm ein Bild des Grauens: Zwei Züge waren ineinandergekracht, Waggons zerstört, zwischen den Trümmern lagen Schwerverletzte und Tote. Menschen irrten umher oder warteten verzweifelt auf Hilfe. Der Rentner (78) stand plötzlich mitten in der Trümmerhölle. „Zwischen den verbogenen Metallteilen lagen Menschen im Sterben“, erinnert er sich.
Erst später sollte García erfahren, dass er mitten in die Folgen einer der schwersten Eisenbahnkatastrophen Spaniens geraten war. Am Mittwoch um 8.53 Uhr war ein Hochgeschwindigkeitszug der Bahngesellschaft Renfe auf einen stehenden Zug des Unternehmens Iryo aufgefahren. Mindestens 69 Menschen kamen ums Leben, zahlreiche weitere wurden verletzt.
Apotheker bringt Verbände und Opium zum Unglücksort
García erkannte sofort, dass seine Hilfe gebraucht wurde. Doch mit bloßen Händen konnte er für die Schwerverletzten kaum etwas tun. Die Rettungskräfte waren noch nicht vor Ort. Also fuhr der 78-Jährige zurück in den Ortskern von Urda, zu seiner Apotheke – und belud sein Auto mit allem, was er finden konnte: Binden, Verbände, Kompressen, Opioide und weitere Medikamente.
Mit dem vollgepackten Wagen machte er sich erneut auf den Weg zur Unglücksstelle. Zwischen den Trümmern versorgte García die Verletzten, versuchte ihre Schmerzen zu lindern. Doch der Bedarf an medizinischem Material war riesig. Wieder fuhr er zurück, holte Nachschub und brachte ihn zu den Verletzten. Insgesamt viermal machte sich García auf den Weg zur Unglücksstelle.
„Alle meine Vorräte waren aufgebraucht“
„Ich habe alles mitgenommen, was ich mitnehmen konnte. Alle meine Vorräte waren aufgebraucht“, erzählt er. Erst als ihn die Polizei bei einer weiteren Fahrt nicht mehr zur Unglücksstelle durchließ, endete sein Einsatz. Inzwischen waren die Rettungskräfte eingetroffen.
Einer der Schwerverletzten, um die sich García kümmerte, war Mario. Sein Zustand war so ernst, dass er sich bereits am Telefon von seiner Familie verabschiedete. „Maite, ich liebe dich sehr. Kümmere dich um die Kinder“, soll er laut García zu seiner Frau gesagt haben. Der Apotheker blieb bei ihm, versuchte ihn zu beruhigen, bis Hilfe eintraf. Ob Mario überleben würde, wusste er zu diesem Zeitpunkt nicht.
Ein Anruf rührte den Lebensretter zutiefst
Am Donnerstag erhielt García dann einen Anruf, der ihn zutiefst bewegte: Mario hatte überlebt! Seine Frau Maite rief den Apotheker an, berichtete, dass es ihrem Mann besser gehe, und bedankte sich für seine Hilfe. Nach all den schrecklichen Bildern ist der tiefgläubige García überzeugt: „Diejenigen von uns, die an Gott glauben, glauben auch an Wunder. Und heute ist dieses Wunder geschehen.“