Die Zahl der Beschäftigten in der deutschen Industrie ist 2025 auf ein Zehnjahrestief von 6,6 Millionen gefallen. Auslöser für den Personalabbau seien aber nicht Kündigungswellen, sondern ein Zögern der Unternehmen, frei werdende Stellen nachzubesetzen und neue Mitarbeiter einzustellen, geht aus einer am Donnerstag veröffentlichten Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung hervor. Eine Auswertung verschiedener Arbeitsmarktindikatoren sowie von 60 Millionen Online-Stellenanzeigen zeigt der Analyse zufolge: „Eine Trendwende ist nicht in Sicht.“
Allein in der Metall- und Elektro-Industrie gab es im April rund 103.000 Beschäftigte weniger als vor einem Jahr. In dem Bereich gingen nach Angaben des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall gegenüber 2019 fast 320.000 Arbeitsplätze verloren.
Der Anteil der Industrie am gesamten Arbeitsmarkt fiel seit 2014 von 22 auf 19 Prozent und befeuerte die Debatte um eine Deindustrialisierung in Deutschland. Seit 2019 sinkt der Studie zufolge die Zahl der Einstellungen deutlich stärker als die der beendeten Beschäftigungsverhältnisse. „Die zurückgehenden Neueinstellungen sind ein Warnsignal für die künftige Beschäftigungsentwicklung“, sagte Luisa Kunze, Arbeitsmarktexpertin der Bertelsmann Stiftung. Es werde weniger nachbesetzt, als Stellen frei würden.
Zugleich haben die Industrie-Betriebe für Arbeitnehmer an Attraktivität eingebüßt, da ihr Lohnvorsprung gegenüber anderen Branchen geschrumpft ist. Der Studie zufolge hat sich dieser Abstand binnen zehn Jahren etwa halbiert. Der Vorsprung des Verarbeitenden Gewerbes schrumpfte bei den Einstiegslöhnen von 20 auf zehn Prozent.
Stellenanzeigen sinken ebenfalls deutlich
Zudem verändern sich die Anforderungen als Folge des digitalen und ökologischen Wandels. Während klassische Fertigungsberufe seit rund 2018 seltener gefragt sind, werden weiter Fachkräfte mit komplexen technischen Kenntnissen etwa in der Elektrotechnik oder im Maschinen- und Fahrzeugbau gesucht. Die Beschäftigung in diesen Berufen stieg von 2014 bis 2024 um fünf Prozentpunkte. „Die Betroffenen brauchen Qualifizierungen und Weiterbildung“, sagte Gunvald Herdin, Arbeitsmarktexperte der Bertelsmann Stiftung. „Wir dürfen nicht erst Maßnahmen ergreifen, wenn die Menschen bereits arbeitslos sind.“
Die schwindenden Jobperspektiven zeigen sich auch bei den Online-Stellenanzeigen. Ihre Zahl fiel 2025 im Vergleich zu 2019 um 161.000. Ausschlaggebend dafür ist unter anderem die sinkende Zahl von Zeitarbeitsstellen in der Industrie. „Hier liegt ein kurzfristiges Einsparpotenzial, ohne dass auch die Kernbelegschaft direkt betroffen ist“, hieß es.
Die Entwicklung verläuft der Studie zufolge regional unterschiedlich. Auch traditionell starke Industriestandorte in Süddeutschland, dem Saarland oder in Teilen Ostdeutschlands geraten zunehmend unter Druck. Der Export als Wachstumsmotor hat an Schwung verloren, es wird mehr automatisiert und rationalisiert. „Die Industriestärke hat jahrelang wie ein Puffer gegen Beschäftigungsverluste gewirkt“, sagte Kunze. „Aber auch diese Regionen sind nicht immun.“