Kultur

Während der ersehnte ICE aus der App verschwindet, lauschen wir meditativen Walgesängen

Während der ersehnte ICE aus der App verschwindet, lauschen wir meditativen Walgesängen

Wie die Nationalmannschaft dient die Bahn als eine Art Big-Mac-Index, an dem abzulesen ist, wo Deutschland gerade steht. Es wäre jetzt ganz unnötig, irgendwelche Bananenrepubliken als Vergleichsgrößen zu bemühen. Wir wissen selbst, wie düster es aussieht.

Ein Schweizer Schriftsteller erzählte mir neulich, auf Lesereisen wage er sich mit der Bahn höchstens bis Mannheim. Alles darüber hinaus sei Russisch Roulette; man könne nicht einmal sicher sein, ob bis zur Ankunft nicht schon das nächste Buch erschienen sei. Wodurch sich wiederum die nächste Lesereise verspäten würde, bis zu einem Zustand, in dem sich die meisten Leute, die aus tragischen persönlichen Gründen auf das Reisen mit der Bahn angewiesen sind, eingerichtet haben: der totalen Resignation.

Es ist wie in „Warten auf Godot“, bloß auf offener Strecke. Beckett war vergleichsweise gnädig und verschonte seine Helden Estragon und Wladimir davor, sich mit „heute leider geschlossenen“ Bordbistros herumschlagen zu müssen. Solche Perfidie war selbst sadistischen Existenzialisten fremd.

Diese Woche hat die Bahn Besserung gelobt. Sie investiert 50 Millionen Euro in ein Sofortprogramm für „bessere Kundenkommunikation“. Ein genialer Schach- bzw. Schnellzug: Die Infrastruktur bleibt marode – da wären 50 Millionen nur ein Hydrauliköltropfen aufs heiße Gleisbett –, wird aber transparenter. Reisende stehen sich genauso lange die Beine in den Bauch, sind über die vorgeschobenen Gründe aber jederzeit im Bilde – top informiert im Schienenersatzverkehr.

Prachtstück der Offensive ist eine Künstliche Intelligenz namens Kiana. Steht ein Gleiswechsel an, erfährt der Fahrgast das in der App künftig binnen zwei Sekunden. Demnächst empfiehlt die KI womöglich sogar das Ausweichen auf Züge, die längst abgefahren sind.

Sorgen machen muss man sich allerdings um Kianas geistigen Zustand. Wir wissen, was die Dinger für Sensibelchen sind: Bei der kleinsten Erschütterung halluzinieren sie. KI basiert auf Logik, Mustern, Kausalitäten. Füttert man Kiana mit den realen Betriebsdaten des deutschen Schienennetzes, dürfte die Algorithmen-Psyche bald tiefe Risse zeigen.

Wie soll ein auf Effizienz getrimmtes neuronales Netz drei Tage vor der feierlichen Wiedereröffnung verarbeiten, dass auf der seit Monaten gesperrten Strecke Nürnberg-Regensburg die Stellwerktechnik zickt? Für den gestählten Bahnfahrer ein routiniertes Schulterzucken, für die KI ein tödliches Paradoxon. Kiana wird bald einsehen, dass es sich bei Fahrplänen weniger um feste Voraussagen handelt als um eine Art postmodernes Literatur-Experiment.

Der totale Kollaps droht angesichts der Aussagen der eigenen Führungsetage. Bahn-Chefin Evelyn Palla verkündete diese Woche angesichts des Regensburger Desasters, man werde „die Art und Weise, wie wir planen, wie wir umsetzen“ umfassend auf den Prüfstand stellen. Wenn ein Milliardenkonzern 2026 das Konzept des „Planens und Umsetzens“ an sich fundamental hinterfragt, drohen wir, die Newton’sche Physik endgültig hinter uns zu lassen. Tatsächlich entspricht eine Stunde am Gleis in Kassel-Wilhelmshöhe auf der Erde inzwischen einem Zeitraum von sieben Jahren.

So erklären sich auch die rund 7000 neuen, sündhaft teuren Monitore, die demnächst an den Bahnhöfen erstrahlen sollen. Hat Kiana erst begriffen, dass sie einem System dient, in dem Pünktlichkeit eine Illusion ist, wird sie die Displays seelsorgerisch umfunktionieren. Anstatt „Fahrt fällt heute aus“ leuchten in beruhigendem DB-Rot Camus-Zitate auf: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ Und während der ersehnte ICE sang- und klanglos aus der App verschwindet, lauschen wir meditativen Walgesängen.

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