Kultur

Was wirklich hinter dem Bau-Stopp der Düsseldorfer Oper steckt

Was wirklich hinter dem Bau-Stopp der Düsseldorfer Oper steckt

Klar, auch Brücken sind marode und neue Schulen braucht die Stadt. Aber das wusste die Düsseldorfer Politspitze ja alles. Trotzdem hat man sich 2021 für einen Neubau der Deutschen Oper am Rhein entschieden, die 1943 im Krieg teilweise zerstört, anschließend provisorisch repariert und 1956 nach von Paul Bonatz geleiteten Umbauarbeiten wiedereröffnet worden war.

Zu marode war die Substanz nach 70 Jahren Spielbetrieb, nie wirklich schön das Ganze. Man wollte, wenn schon, Neues; zumal eine nötige Generalsanierung auch nicht viel billiger eingeschätzt wurde. Außerdem wollte man das enge Filetgrundstück an der Königsallee gegen einen alternativen, auch städtischen Standort in der Nähe eintauschen, der ein neues Stadtquartier mitentwickeln sollte.

Der millionenteure Architekturwettbewerb ist auch längst entschieden. Das berühmte Büro Snøhetta, das auch die schnell ikonische Oper Oslo designt hat, gewann mit einem attraktiven Entwurf. Die neue Opernintendantin Ina Karr sowie der gerade erst diese Woche verkündete neue Generalmusikdirektor Evan Rogister wurden ebenfalls unter diesen Auspizien an den Rhein gelockt.

Und jetzt ist alles Makulatur. Die Stadt hat kein Geld, sagt sie, Oberbürgermeister Stephen Keller (CDU) hat den Opernneubau abgesagt. Der hätte gut eine Milliarde gekostet, mit den Zinsfolgekosten auf 50 Jahre wohl sogar 1,8 Milliarden. Offenbar nicht mehr vermittelbar. Das alte, unattraktive Gebäude soll nun ertüchtigt werden. Was Keller nicht sagt: Das wird ebenfalls sehr viel Geld kosten, das man aber nicht sieht, das kein Ausrufungszeichen setzt, und das die Kunstform in dem konservativen Guckkasten nicht zukunftsfähig macht. Und für Interimsspielzeiten während der Renovierung, die Kraft und Geld kosten, muss ebenfalls gesorgt werden. Also eine Milchmädchenrechnung?

Erste Generation amusischer Politiker

Auf jeden Fall ist es kein gutes Signal. Als Deutschland samt seinen Theatern nach dem Zweiten Weltkrieg in Trümmern lag, spielte man im Herbst 1945 allerorten schon wieder – in Ruinen, in Ersatzquartieren. Die Menschen waren kulturhungrig, wollten Ablenkung. 1956 wurde das Theater Münster als erster Neubau wiedereröffnet. Wenige der repräsentativen Musiktheater – Stuttgart, Wiesbaden, Gera, Altenburg, Regensburg, Cottbus – waren erhalten geblieben, viele wurden modern in alter Außenhülle wiedererrichtet, einzelne, wie München, rekonstruiert, die meisten modern neu erstellt.

Baufällig sind jetzt fast alle, Brandschutz, Arbeitsschutz, Gebäude- und Bühnentechnik fordern ihren Tribut. Bauen ist aber gerade ungemein teuer in Deutschland. Und die erste Generation von oftmals durch fehlenden Kunst- wie Musikunterricht in den Schulen nicht mehr wirklich mit Kultur sozialisierten Politikern hat jetzt – quer durch alle Parteien – das Sagen.

Saniert wird mehr oder weniger enthusiastisch bereits seit Jahren, zum Teil mit Verzögerungen in Augsburg, Mannheim, Altenburg, Kassel, Coburg und an der Komischen Oper Berlin. Die Staatstheater Stuttgart, die Städtischen Bühnen Frankfurt (wo neu gebaut werden soll), die Oper Nürnberg stehen an, fast immer geht es auch hier um siebenstellige Beträge. In einigen Jahren wären die Deutsche Oper Berlin und die Staatstheater in München dran. Und keiner weiß, wie das gehen, wie das bezahlt werden soll.

Abwarten macht alles allerdings nur noch teurer, siehe München, wo der städtische Gasteig seit drei Jahren leer steht, ohne dass mit der Sanierung begonnen worden wäre und die Staatsregierung schon viele Millionen für die Planung eines neuen Konzertsaales ausgegeben hat, ohne dass sich der amusische CSU-Grande Markus Söder zu einer echten Zusage hätte durchringen können. Als Menetekel schwebt natürlich die skandalöse, 14 Jahre währende und 1,5 Milliarden teure Renovierung des auch nicht eben schönen Wilhelm-Riphahn-Baus von 1957 im Raum. Der soll nun im September endlich eröffnet werden.

Strahlkraft und Prestige gibt es in Düsseldorf, wo man auch die Musikschule und die Musikbibliothek als „Dreiklang aus Kultur, Bildung und gesellschaftlicher Teilhabe“ in den Neubau integrieren wollte, nun also nicht. Und mit dem Rest Deutschlands sieht es ebenfalls trübe aus. Kein gutes Zeichen also für die Zukunft der bröckelnden Kulturbauten hierzulande.

Man kann es kaum mehr glauben, was es damals bedeutete, als 1963, kurz nach dem Mauerbau, die als Bauwerk so revolutionäre Berliner Philharmonie von Hans Scharoun eröffnet wurde. Heute ist sie eine Ikone. Wie das Jørn Utzons Sydney Opera House, Frank Gehrys Bilbao-Guggenheim oder Herzog & De Meurons überaus kostenintensive Elbphilharmonie in Hamburg. Apropos: Ob da nicht das geplante, mit 400 Millionen Euro utopisch billige Kühne-Opernhaus am Ende auch ein Wolkenkuckucksheim bleiben wird?

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