Wirtschaft

Was jetzt für die Offshore-Windkraft zählt

Was jetzt für die Offshore-Windkraft zählt

Die Offshore-Windkraft-Branche in Deutschland hat im ersten Halbjahr die Marke von zehn Gigawatt installierter Leistung überschritten. Im ersten Halbjahr 2026 seien 84 neue Anlagen mit 1,077 Gigawatt Leistung an das Netz angeschlossen worden, teilten der Bundesverband Windenergie Offshore (BWO) und andere Organisationen der Branche in einer gemeinsamen Erklärung am Dienstag mit. Insgesamt waren zu Ende Juni in den deutschen Gebieten von Nord- und Ostsee 1764 Offshore-Windturbinen mit einer Leistung von 10,8 Gigawatt (10.800 Megawatt) am Netz.

Weitere 22 Anlagen mit einer Leistung von 323 Megawatt sind in den Offshore-Windparks Borkum Riffgrund 3, He Dreiht sowie im Nordseecluster A bereits errichtet, aber noch nicht in Betrieb. Die Verbände listen zudem Projekte im Umfang von 2,6 Gigawatt auf, für die von Unternehmen bereits eine finale Investitionsentscheidung getroffen wurde, sowie Offshore-Windkraft-Projekte mit 17,5 Gigawatt Umfang, die von der zuständigen Bundesnetzagentur bereits den Zuschlag erhalten haben, für die aber noch keine finale Investitionsentscheidung vorliegt. Die Branche geht davon aus, dass das politisch vorgesehene Ziel von 30 Gigawatt installierter Leistung im Jahr 2032 erreicht sein wird. Ursprünglich hatte die seinerzeit regierende Ampelkoalition dafür das Zieljahr 2030 vorgesehen. Das Fernziel auch der nun regierenden Großen Koalition bleiben 70 Gigawatt installierter Leistung in den deutschen Seegebieten bis 2045.

Erhebliche Zweifel an diesen Ausbauzielen hatten allerdings die Energiekonzerne TotalEnergies aus Frankreich und BP aus Großbritannien im Frühjahr aufgebracht. Sie möchten die Realisierung riesiger Offshore-Windkraft-Projekte in der deutschen Nordsee zeitlich strecken oder sie gar zurückgeben. Der Bund lehnt eine Rückgabe ab. Allein Total könnte zwar rund 750 Millionen Euro an bereits hinterlegter Sicherheitsleistung verlieren. Für die deutschen Energiewende-Pläne auf See wäre der Schaden allerdings noch wesentlich größer – denn unklar ist, wer für die entsprechenden Projekte zu den heutigen, hohen Kosten kurzfristig bieten könnte.

Die Offshore-Windkraft-Branche fordert eine schnelle Reaktion des Bundes auf den drohenden Rückzug der Großinvestoren: „Wo Projekte unter negativ veränderten Rahmenbedingungen und gestiegenen Risiken multipler Krisen nicht mehr umgesetzt werden können, ist die Bundesregierung gefordert, gesetzlich verankerte Kriterien für eine Rückgabeoption zu prüfen sowie einen damit verbundenen Mechanismus, um die betroffenen Flächen unverzüglich neu auszuschreiben“, heißt es in der Erklärung vom Dienstag. „So werden Flächen und Netzanschlüsse frühzeitig wieder verfügbar, neue Projekte können realisiert und verlässliche Perspektiven für die Lieferkette geschaffen werden. Nur so lässt sich der kontinuierliche Ausbau der Offshore-Windenergie absichern.“

Grundsätzlich fordern die Branchenverbände die Einführung der sogenannten Contracts-for-Difference, um Investoren eine stabilere Basis zu verschaffen. Die Branche und der Bund definieren dafür einen Mindest-Strompreis. Bleibt der Abnahmepreis beim Betrieb eines Offshore-Windparks unter diesem Niveau, gleicht der Bund die Differenz für einen bestimmten Zeitraum aus. Übersteigt der Preis die Basislinie, zahlt der Windparkbetreiber im Gegenzug Geld an den Bund. In den 2040er-Jahren soll diese Bilanz zwischen dem Bund und der Offshore-Windkraft-Branche ausgeglichen werden.

„Für die Finanzierung künftiger Offshore-Windprojekte braucht Deutschland einen belastbaren und international wettbewerbsfähigen Investitionsrahmen. Die WindSeeG-Novelle muss das Ausschreibungsdesign grundlegend weiterentwickeln“, heißt es in der gemeinsamen Erklärung. „Die Branchenverbände sprechen sich für die Einführung eines indexierten, zweiseitigen Contracts-for-Difference-(CfD)-Modells aus. Ein solches Risikoabsicherungsinstrument reduziert Finanzierungsrisiken, erhöht die Realisierungswahrscheinlichkeit von Projekten und trägt dazu bei, langfristig wettbewerbsfähige Stromkosten für Industrie und Verbraucher zu ermöglichen.“

Weltweite Krisen, Kriege und unsichere Aussichten für die Wirtschaft haben das Interesse an Offshore-Windkraft-Investitionen in jüngerer Zeit deutlich verringert. Bei der Ausschreibung der Bundesnetzagentur für die Bebauung von Flächen in der Nordsee im vergangenen August ging kein einziges Gebot ein. „Obwohl der Ausbau der Offshore-Windenergie aktuell noch voranschreitet, zeigen die Ergebnisse der letzten Ausschreibungsrunden, dass das bestehende Regime den aktuellen Marktgegebenheiten längst nicht mehr Rechnung trägt“, teilen die Verbände mit. „Solange bezuschlagte Projekte in der Schwebe sind und der künftige Rechtsrahmen offenbleibt, bestehen erhebliche Unsicherheiten für Projektentwickler, Hersteller, Zulieferer und Investoren. Währenddessen will sich die Branche schnellstmöglich auf die Ausschreibungen des Jahres 2027 vorbereiten.“

Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Er berichtet seit mehr als 25 Jahren über die Offshore-Windkraft-Branche in Deutschland und Europa.

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