Kultur

Von der Kunst, nicht zu vergessen

Von der Kunst, nicht zu vergessen

Es gibt diesen Satz, der eigentlich aus Friedrich Nietzsches Götzendämmerung stammt und der irgendwann von der kathartisch-übermenschlichen Durchhalteparole zum hemdsärmeligen Problemwegwischspruch geworden ist: Was mich nicht umbringt, macht mich stärker. Ganz so, als wäre Stärke unbedingt erstrebenswert, geht man davon aus, dass Überleben es ebenfalls ist.

Der französische Philosoph Maurice Blanchot war da nicht so sicher. In seinem Essay „Das Unzerstörbare“ von 1991 beschreibt er das Paradox des Überlebens der ultimativen Katastrophe als bloßes Weiterleben ohne Sinn und Trost. Der Mensch existiert dann nur noch – brüchig, sprachlos und radikal verunsichert. Das „Unzerstörbare“ ist ein verstörender Rest, in dem die Erinnerung an extreme Gewalt ihre Kreise zieht: eine nicht integrierbare Erfahrung, die weder vollständig erinnert noch wirklich vergessen werden kann.

„Forget It“ – so lautet der Titel von Stephanie Steins Ausstellung – und man spürt sofort die Unmöglichkeit dieser Aufforderung. Das beinahe perfekt würfelförmige Ladenlokal aus den 1920er-Jahren in Berlin-Wilmersdorf wird von oben bis unten durchschnitten von zwei Strängen aus mundgeblasenen Glasröhren, denen etwas Knochenartiges anhaftet. Die Arbeit heißt „Der Nächste“ – und wenn man sich dazu einen Menschen vorstellt, scheint dieser weder an- noch abwesend, kann den Raum weder stützen noch findet er selbst Halt darin: Die abstrakte Figur ist eine prekäre Existenz, mehr tot als lebendig.

Auch die Metallboxen an den Wänden evozieren diesen Zwischenzustand: Auf kalkweißem Grund steigen Schmauchspuren empor. Am Bücherregal des hinteren Raums hängt das Foto eines wie im Wahn völlig zerkauten Hundefressnapfs auf Terrakottaboden: Die Künstlerin fand ihn als Zeugnis von nervenverzehrter animalischer Aggression in einem Renaissancegebäude in Italien. Angst, Verletzung, Vernichtung: In Steins flüchtigem, poetischem Minimalismus spürt man die Katastrophe, ohne dass sie ausbuchstabiert wird.

Zu der Schau hat Stein den Kunsthändler und Verleger Reiner Opoku eingeladen, der hier einen Showroom betreibt. Mit Namen wie Julian Schnabel und Georg Dokoupil weht sonst eher ein anderer Wind, doch diesmal hat er dem Autor und Kurator Nils Emmerichs das Zepter überlassen, einem langjährigen Weggefährten Steins. Für die leisen Töne ihrer Kunst ist der fast sechs Meter hohe Raum, dessen Fensterfront schon auf Berlins goldene wie schwärzeste Zeiten blickte, geradezu perfekt. Es ist, als würde die bislang in den Mauern kauernde Erinnerung Steins Installation durchwehen wie ein Gespenst, das plötzlich mit seiner Umgebung ins Gespräch kommt – man kann es beinahe plastisch spüren, das Gefühl von Ohnmacht und unausweichlichem Schmerz, das Steins Abstraktionen subtil durchdringt.

Die aus Kiel stammende und in Köln bei Rosemarie Trockel ausgebildete Bildhauerin hat ihr Atelier in einem Plattenbau neben dem ehemaligen Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen, wo sich einst die Büros der Haftanstalt befanden: Isolierte und schalldichte Räume wurden nie renoviert und sind heute Künstlerstudios. Die deutsche Vergangenheit hallt nach in Steins Werk, wo zugleich emotionale Gewalt im Privaten anklingt. Doch lässt die zarte Leichtigkeit ihrer Kunst die Melancholie darin beinahe vergessen.

2027 bespielt Stein die Kirche St. Peter in Köln, wo schon Gerhard Richter, Kara Walker und Olafur Eliasson ausstellten. In dem sakralen Raum wird sie ihre Glasknochen in weit größere Dimensionen überführen – und daran erinnern, dass „Forget It“ einfach nicht geht.

„Stephanie Stein: Forget It“, bis 29. August 2026, Office Reiner Opoku, Berlin

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