Opera and Animation“ lautet der Titel eines dreitägigen Festivals an der Hamburgischen Staatsoper. Drei Premieren zeigen unterschiedliche Formen: Zum Auftakt verwandelt Regisseur Nils Voges vom Künstlerkollektiv Sputnik am Freitag, dem 6. November, Henry Pucells Barockoper „Dido and Aeneas“ in ein Live Animation Cinema. Das britische Künstlerkollektiv 1927 lotet am Tag darauf die Möglichkeiten digitaler Animation im Doppelabend „Petruschka & L’Enfant et les sortilèges“ nach Strawinskys Ballett und Ravels Oper aus. Zum Abschluss des Festivals feiert am 8. November als große Familienoper „Dornröschen“ von Engelbert Humperdinck Premiere. Ein Gespräch mit Regisseurin Anna Bergmann über Bilderwelten, Konventionen, Romantik und Hoffnung.
WELT AM SONNTAG: Was fasziniert Sie an Humperdincks „Dornröschen“?
Anna Bergmann: Mich fasziniert, wie verschiedene Zeiten aufeinandertreffen: das jahrhundertealte Märchen, Humperdincks Oper von 1902 und unsere Gegenwart. Wir wollen Vielfalt sichtbar machen: Musik von Humperdinck bis Cher trifft auf Oper, Schauspiel, Tanz, Puppenspiel und Animation. Gemeinsam mit dem musikalischen Leiter Markus Poschner und dem Dramaturgen Christoph Warmuth entsteht ein multimediales Märchenspektakel für alle Generationen.
WAMS: Spektakel klingt nach einer aufwendigen Ausstattung.
Bergmann: Wir haben alles aufgefahren, was der Opernbetrieb möglich machen konnte. More is more ist bei uns nicht nur eine Redewendung, sondern wir setzen das Motto in die Tat um. Ich sage immer: ‚Staatsoper Hamburg, hier werden Träume wahr.‘ Die Abteilungen, die Gewerke haben wirklich gezaubert, es wird ein gigantisches Spektakel mit total fantastischen Bühnenverwandlungen. Wir haben ein Spaceshuttle, einen Thronsaal und das Märchenschloss, das man aufklappen kann wie in einem Bilderbuch – dazu Unterwasserwelten, Sternenwelten. Ein absolutes Überwältigungsabenteuer soll es werden, ein echtes Familienstück, für Groß und Klein.
WAMS: Es gibt also Zeitsprünge?
Bergmann: Es gibt eine Zeitreise. Der Abend beginnt mit Nicole Heesters, die als ausgeschlafenes Dornröschen aus der Zukunft zurückkommt und ins Jahr 1953 reist, in dem sich ihre Eltern kennenlernen. Es ist toll, wie sie ihre ganze Erfahrung in diese Rolle einbringt. Von diesem Moment an erleben wir die beiden Geschichten, die in diesem Märchen parallel ablaufen: die der 13. Fee Dämonia, fantastisch gesungen und gespielt von Annika Schlicht, und die vom jungen Röschen, dargestellt von der hinreißenden Elbenita Kajtazi. Diese beiden gegensätzlichen Frauenfiguren auf der Bühne zu haben, ist spannend.
WAMS: Und deren Story hat dann verschiedene Stationen.
Bergmann: In den 100 Jahren, die wir erzählen, gibt es Ereignisse wie die Mondlandung. Dann wieder sieht man sie in San Francisco mit Jim Morrison in den Sechzigern in einer Art Woodstock-Konzert. Dann ist sie beim Fall der Berliner Mauer dabei, bei der Beerdigung von Lady Di und sie trifft auf ihrer Zeitreise auch den Papst.
WAMS: Was erzählt uns die Geschichte von Dornröschen, was erzählen Sie?
Bergmann: Die Originalgeschichte erzählt uns, dass Mädchen den Mund zu halten haben, zu tun, was die Eltern sagen. Dornröschen ist passiv, schläft, wird geküsst und heiratet den Typen. Das ist das Stereotyp, das ist das Prinzip Disney, nach dem kleine Mädchen domestiziert werden. Deshalb mussten wir die Geschichte zum Ende hin zwangsläufig ändern: Wir wollen ja durchaus emanzipierte junge Damen, die selbst entscheiden. Und wenn sie Heimchen hinterm Herd sein wollen, ist das auch okay. Auf jeden Fall kann Dornröschen bei uns sagen: Nein, den möchte ich nicht gleich heiraten, sondern erstmal mit Freundinnen mein eigenes Leben haben und entdecken, was die Welt mir sonst zu bieten hat.
WAMS: Vielleicht küsst der Prinz einfach nicht gut…
Bergmann: Es wäre schade, wenn man das denken würde. Unser Prinz Olexej Palchikov singt zum Niederknien gut. Grundsätzlich finde ich es schon wichtig, dass man sich immer auch ein bisschen in den Prinzen verlieben kann, dass die Chance besteht, dass er und Röschen zusammenkommen könnten.
WAMS: Weil das ja romantisch wäre.
Bergmann: Absolut. Tatsächlich heiraten sie bei uns erst mit 80. Sie kommen also schließlich zusammen, erleben aber erstmal vorher was.
WAMS: Geht es in Ihrer Inszenierung auch um Barbie-Klischees?
Bergmann: Wir haben natürlich den Film gesehen. Der Slogan: Barbie. Du kannst alles sein, kommt in gewisser Weise vor. Über die Fragestellung: Wer bin ich überhaupt, wer möchte ich sein? Das ist ja auch eine Coming-of-Age-Geschichte und damit ein wichtiger Teil von Röschens Rolle. Aber natürlich haben auch die Feen eine Barbie-Anmutung, weil die Kostüme von Lane Schäfer so wunderschön gestaltet sind.
WAMS: Welche Rolle spielen Animationen in Ihrer Inszenierung?
Bergmann: Wir haben von Anfang an geschaut, schon als ich mit Markus Poschner die musikalische Fassung gemacht habe, wie man die Musik in Bilder verwandeln kann, in animierte Bilder, um auch darüber Geschichten zu erzählen. Dafür arbeiten wir mit dem Videokünstler Jonas Link und dem Animationskünstler Jan Köster, der malt tatsächlich schon seit Monaten Filme, zum Beispiel die Irrfahrten des Prinzen. Es gibt also ganz viele tolle Animationen, denn die riesigen Musikwelten des 19. Jahrhunderts lassen sich schön in Bilder übersetzen.
WAMS: Gestalten Sie die Animationen und den Abend überhaupt in Schwarzweiß oder in Farbe?
Bergmann: Es wird ein sehr bunter Abend.
WAMS: Kommt auch die Farbe Rosa vor?
Bergmann: Doch, haben wir, natürlich. Rosa, die Königin der Feen, trägt Rosa. Aber sie ist nicht niedlich im Kleidchen, sondern hat ein Six-Pack und ordentlich Muskeln, ist also schon eine Power-Rosa.
WAMS: Das klingt nach viel Spaß.
Bergmann: Ja, ich liebe die Musik. Ich liebe es, so eine Welt zu erfinden. Das ist ja auch das Schöne in meinem Beruf: Ich kann mir die Welt machen, wie sie mir gefällt. In diesem Fall eine positive, weiblich regierte, in der die Menschen sich lieben. Da gibt es keine Kriege, sondern Harmonie. Letztlich will ich etwas Hoffnungsfrohes erzählen, das ist mir ganz wichtig, von Freiheit, Schönheit und Frieden.
WAMS: Sie können sich auch die musikalische Welt machen, wie sie Ihnen gefällt.
Bergmann: Tatsächlich wird das Publikum auch Musik hören, die es nicht erwartet. Kleiner Spoiler: Annika Schlicht wird als Dämonia die „Kaspar-Arie“ aus dem „Der Freischütz“ singen. Im Stück bewegen wir uns viel in den Klängen der Zeitgenossen, also von Tschaikowsky über Prokofjew bis Wagner und von Weber.