Berlin – Illegales Glücksspiel wird in Deutschland immer mehr zum Problem. Manipulierte Spielautomaten stehen längst nicht mehr nur in dunklen Hinterzimmern, sondern auch in Kneipen und Bars. Experten schätzen, dass inzwischen jedes dritte Gerät illegal ist.
Für Hendrik Streeck (48, CDU), Drogen- und Suchtbeauftragter der Bundesregierung, ist das ein Alarmsignal. Er begleitet eine Razzia der Berliner Behörden. „Wir haben hier eine enorme Entwicklung. Dieses Problem wird erst richtig sichtbar, wenn wir hinschauen. In meinen Augen sollte es bundesweit mehr Kontrollen geben“, so Streeck zu BILD. Denn: „Illegales Glücksspiel treibt Menschen, die sowieso in einer prekären Lage sind, in Verzweiflung und den Ruin. Der erhoffte Ausweg wird zur Falle.“
Streeck fordert deshalb schärfere Gesetze. „Die Strafen für alle, die gewerbsmäßig illegales Glücksspiel betreiben, müssen härter werden.“ Auch die Zusammenarbeit der Behörden müsse erleichtert werden. „Die Behörden sollten Daten leichter austauschen können. Auch die Telefonüberwachung Verdächtiger sollte möglich sein.“
Georg Stecker (63), Sprecher des Vorstandes Dachverband der deutschen Automatenwirtschaft, warnt in BILD vor immer mehr Kriminellen: „Die Lage der Branche ist durch eine überbordende Illegalität geprägt, die jetzt schon über ein Drittel des Marktes ausmacht – Tendenz steigend, ihr Marktanteil bewegt sich auf die Hälfte zu.“
Warum es Handlungsbedarf gibt, zeigte sich vor zwei Tagen bei einer Glücksspiel-Razzia in Berlin, die der BILD-Reporter begleitete. Erste Station der Ermittler ist eine Spielhalle. Die Kontrolleure gehen Hinweisen nach, dass der vorgeschriebene Spielerschutz nicht eingehalten wurde.
In der dunklen Spielhalle, die nur vom grellen Neonlicht der Automaten erhellt wird, sitzt eine Frau vor einem der Automaten: Aischa (64). Während der Mitarbeiter hinter dem Tresen hektisch versucht, seine Chefin zu erreichen, und die Kontrolleure die Halle überprüfen, spielt sie einfach weiter. Von der Aufregung lässt sie sich kaum ablenken, sie tippt unbeirrt auf die blinkenden Knöpfe des Automaten.
Später steht sie vor der Tür und raucht. „Ich mache das dreimal pro Monat, setze mir ein Limit von 100 Euro. Wenn ich die verloren habe, gehe ich“, sagt sie zu BILD. Glücksspiel sei für sie „zum Relaxen“. Trotzdem findet sie: „Das müsste alles verboten werden.“ Die Beamten öffnen zeitgleich die Automaten in der Spielhalle. Sie stellen rund 16.000 Euro Bargeld sicher – weil sich der Verdacht auf mangelnden Schutz der Kunden erhärtete.
Noch deutlicher wird das Ausmaß des Problems einige Stunden später. In einer kleinen Berliner Plattenbau-Kneipe läuft die Fußball-WM im Fernsehen. Nur wenige Gäste sitzen an den Tischen. Zwei Automaten im Gastraum wirken zunächst unauffällig. Die Ermittler glauben aber: Im abgeschlossenen Nebenraum gibt es mehr.
Der Betreiber behauptet, der Raum sei vermietet. Er habe keinen Zugang, einen Schlüssel könne er deshalb nicht herausgeben. Die Ermittler sehen das anders: Sie bekommen einen Durchsuchungsbeschluss, der Schlüsseldienst rückt an. Die Tür öffnet sich. Im Raum riecht es, als hätte jemand gerade noch geraucht.
Ein Vorhang trennt den hinteren Bereich ab. Dahinter stehen vier weitere Spielautomaten. Alle vier sind illegal, weil ihnen die erforderliche Zulassung für Deutschland fehlt. Nach Angaben der Ermittler waren die Geräte noch wenige Minuten vor Eintreffen der Kontrolleure in Betrieb, ihnen wurde einfach der Stecker gezogen.
Wie lukrativ das Geschäft sein kann, zeigt die Schnell-Auswertung eines der Geräte: Seit 2022 soll allein dieser Automat knapp 350.000 Euro umgesetzt haben.