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Rheinmetall oder TKMS? Wer übernimmt die Kieler Großwerft

Rheinmetall oder TKMS? Wer übernimmt die Kieler Großwerft

Am Vorschiff für das neue Kriegsschiff wird in Halle 8 geschweißt. Die Fregatte F126 wird das größte Kampfschiff der Deutschen Marine seit dem Zweiten Weltkrieg sein. Vorn ist der Bug, und vorn ist auch die Werft German Naval Yards in Kiel. Nirgends sonst ist dieses mit insgesamt sechs Schiffen bislang größte Beschaffungsprojekt der Bundeswehr derzeit so konkret zu sehen wie hier unter den stiebenden Funken der Schweißgeräte. Die Arbeiter fügen einzelne Stahlteile zum Vorschiff für die erste F126 zusammen. Der Bugwulst für das 166 Meter lange Kampfschiff ist schon fertig.

Und das, obwohl German Naval Yards dafür noch gar keinen belastbaren Auftrag hat: „Wir gehen weiterhin fest davon aus, dass das Projekt F126 weitergeführt wird“, sagt Mark Siever, Director Corporate Affairs & Business Development bei German Naval Yards: „Sobald uns vom Generalunternehmer die erforderlichen Bauunterlagen in einem entsprechenden Reifegrad vorliegen, können wir die weitere Fertigung aufnehmen. Die hierfür notwendigen Kapazitäten halten wir bereits seit Jahren vor.“

Seit mehr als 15 Jahren arbeiten Experten an der Vorbereitung und Planung, an der Konstruktion und am Bau der F126. Das niederländische Unternehmen Damen Naval gewann im Jahr 2020 die Ausschreibung als Generalunternehmer und Konstrukteur für die Baureihe. Doch den Niederländern gelang es in den folgenden Jahren nicht, das Großprojekt zeitgerecht voranzubringen – ein enormer Rückschlag vor dem Hintergrund des Ukrainekrieges und wachsender internationaler Aufgaben für die Deutsche Marine.

Das größte deutsche Rüstungsunternehmen Rheinmetall soll die F126 als Generalunternehmer nun retten und sechs der Schiffe für insgesamt zehn Milliarden Euro produzieren – mit German Naval Yards als Subunternehmer. Die Kieler sind bei der F126 schon seit Jahren mit dabei: German Naval Yards war seinerzeit der letzte deutsche Bieter, der schließlich gegen Damen Naval unterlag. Anschließend wurde German Naval Yards als eine von mehreren deutschen Werften Partner für den Bau der Fregatten im Generalauftrag von Damen.

An etlichen Projekten für Marine- und für Zivilschiffe ist German Naval Yards beteiligt, zuletzt etwa am Bau der Korvetten K130 für die Deutsche Marine. Doch meist steht die Großwerft an der Kieler Förde dabei nicht so im öffentlichen Fokus wie der benachbarte U-Boot-Hersteller TKMS, die Superyachtwerft Lürssen oder die Papenburger Meyer Werft mit ihren Kreuzfahrtschiffen. Das liegt ausgerechnet auch an der Vielfalt dessen, was German Naval Yards tut: Die 1838 gegründete Werft, die lange zu den Howaldtswerken gehörte, ist mit ihren derzeit rund 400 Beschäftigten die letzte deutsche Universalwerft, auf der nahezu alle Schiffstypen fast jeder Größe gebaut und repariert werden können. Das macht es schwieriger, das Profil der Werft zu erfassen.

Die Konkurrenten TKMS und Rheinmetall allerdings wissen sehr genau, was die Schiffbauer im Kieler Stadtteil Gaarden können. Sie wollen die Fähigkeiten und Erfahrungen von German Naval Yards speziell für den wachsenden Marineschiffbau nutzen. Beide Unternehmen arbeiten derzeit daran, die Werft zu übernehmen. Eine solche Bieterkonkurrenz gab es im deutschen Schiffbau lange nicht mehr.

Mark Siever, der bei der Deutschen Marine im Rang eines Kapitänleutnants gedient hat, führt über das 25 Hektar große Werftgelände. Etliche alte und neue Gebäude, dicht gebaut, erschweren die Orientierung. Dazwischen fahren Pkw, Liefer- und Lastwagen über das Areal. Werftarbeiter, externe Handwerker, Transporteure, Zulieferer, Sicherheitsleute und viele andere Menschen beleben die Anlage. In einer der Hallen wird, gut verhüllt, eine 114 Meter lange Superyacht mit dem Arbeitsnamen „Project Elf“ gebaut. In einer anderen Halle liegt ein Prototyp eines im Maßstab 1:8 verkleinert gebauten Wellenkraftwerks, das Strom erzeugen soll. Mitgearbeitet daran haben auch die Auszubildenden von German Naval Yards. „Das hier ist eine Technologie zur Nutzung von Wellenenergie, entwickelt von der HAW Kiel. Und sie funktioniert“, sagt Ausbilder Michael Münz. „Zukünftig können solche Wellenkraftwerke viel größer gebaut werden, weil sich die Technologie skalieren lässt.“

Draußen überragt der blaue 900-Tonnen-Kran weithin sichtbar das 426 Meter lange Trockendock der Werft, das größte Dock an der gesamten Ostsee. Errichtet worden war es Mitte der 1970er-Jahre für den Bau von Großtankern, doch dieser Markt brach nach der ersten Ölkrise kurz darauf zusammen. Und wenig später waren deutsche Werften beim Bau großer Tanker nicht mehr gefragt. Die Schiffe, die German Naval Yards heutzutage im Trockendock instandsetzt, wirken klein in dem riesigen Becken. Sämtliche Badewannen aller Berliner Haushalte könne man mit dem Inhalt des Docks füllen und noch einige mehr, diesen Vergleich ziehe man auf der Werft gern heran, sagt Siever.

Unter Planen steht im Dock eingerüstet der Hochseeschlepper „Rügen“, der aus der norwegischen Offshore-Energieförderung stammt und den German Naval Yards für den künftigen Einsatz bei der Deutschen Marine umbaut. Alle drei der aktuell größten deutschen Marineschiffe, die sogenannten Einsatzgruppenversorger, könnte man gemeinsam in das riesige Becken legen, und es bliebe noch reichlich Platz. Üblicherweise kommen diese Schiffe allerdings einzeln, um in Kiel instandgesetzt oder modernisiert zu werden, zum Beispiel mit der Montage eines kompletten Bordkrankenhauses an Deck.

Gerade das riesige Dock allerdings wirft die Frage auf, ob die Kieler Großwerft ausreichend ausgelastet und profitabel arbeitet. German Naval Yards ist es in den vergangenen Jahren nicht gelungen, Generalunternehmer für eines der Neubauprogramme der Deutschen Marine zu werden, obwohl die Werft in der Branche viel fachlichen Respekt genießt. Die Kieler blieben immer in der Rolle des verlässlichen Zulieferers. Doch die Investitionen zur Instandhaltung der riesigen Werftanlage sind hoch. In einer der Hallen schweißen die Arbeiter gerade neue Tore für das große Dock und ein kleineres Nebenbecken. „Wir sind wirtschaftlich stabil“, sagt Siever lediglich.

Im Jahr 2011 verkaufte der Stahl- und Industriekonzern ThyssenKrupp einen Teil seiner Kieler Großwerft an das Unternehmen Abu Dhabi Mar. Später übernahm die Holding Prinivest des französisch-libanesischen Unternehmers Iskandar Safa, der 2024 verstarb, die Kontrolle über German Naval Yards Kiel. Heutzutage gehört German Naval Yards zum Maritimkonzern CMN Naval der Familie Safa in Frankreich. Neben größeren Kriegsschiffen wie Fregatten baut CMN unter anderem kleinere bemannte und unbemannte Hochgeschwindigkeitsboote zur Ausspähung und Bekämpfung von Seezielen. „Ein Verkauf von German Naval Yards an TKMS oder Rheinmetall wäre sinnvoll“, sagt ein Insider, der den deutschen Schiffbau seit Jahrzehnten kennt und der anonym bleiben will: „Ich bezweifele, dass sich die Übernahme der Kieler Werft für die Familie Safa rentiert hat und CMN Naval die nötigen Investitionen in die Werft von German Naval Yards Kiel in den kommenden Jahren aufbringen kann oder will. Aus Sicht von CMN Naval ist das deshalb gerade eine ideale Situation: Zwei konkurrierende Bieter wollen die Werft übernehmen.“

Zu den Umständen und Bedingungen einer möglichen Übernahme von German Naval Yards halten sich alle Beteiligten weitgehend bedeckt. „Von Seiten TKMS haben wir ein nicht bindendes Angebot gegenüber German Naval Yards Kiel abgegeben. Hierzu führen wir gute und ergebnisoffene Gespräche auf allen Ebenen und rechnen mit einer baldigen Entscheidung“, sagt Oliver Burkhard, Vorstandsvorsitzender von TKMS, auf Anfrage der WELT AM SONNTAG. „Unsere Auftragsbücher sind gut gefüllt – ein möglicher Zusammenschluss mit German Naval Yards Kiel ist für uns kein Muss, sondern eine Option, die wir sorgfältig mit Blick auf neue Spielräume für zukünftige Kundenanforderungen und eine verbesserte logistische Flexibilität prüfen. Voraussetzung ist jedoch eine angemessene betriebswirtschaftliche Grundlage.“ TKMS sei der Auffassung, „dass wir ein angemessenes Angebot abgegeben haben. Wir werden uns an einem möglichen Bieterwettbewerb sicher nicht beteiligen.“

Rheinmetall wiederum teilt auf Anfrage mit: „Im Rahmen der geplanten Modernisierung und auch Aufrüstung der deutschen und europäischen Streitkräfte erwartet Rheinmetall weitere Bestellungen, für die entsprechende Kapazitäten erforderlich sind. Um sich auf die erwarteten Aufträge vorzubereiten, prüft Rheinmetall fortlaufend Optionen zum Ausbau seiner Kapazitäten“, heißt es. „Im Zuge dessen hat Rheinmetall sein Interesse an der Kieler Werft German Naval Yards Kiel bekundet und erwartet in den kommenden Wochen die Ergebnisse der Due-Diligence-Prüfung.“ Das ist eine vertiefende Analyse der Bücher und Geschäftszahlen.

Eine mögliche Übernahme durch eines der beiden anderen Unternehmen kommentiert German Naval Yards nicht. Die europäische Rüstungsindustrie gilt als viel zu komplex, kleinteilig und zersplittert, um den Anforderungen an die Sicherheit des Kontinents in den kommenden Jahrzehnten genügen zu können. Das betrifft auch die Marinewerften. Nach wie vor bauen viele europäische Länder und Mitgliedstaaten der Nato ihre Marineschiffe mit eigenen Prioritäten selbst. Zwar müssen die Schiffe im Einsatz für das Bündnis den Nato-Standard erfüllen, doch bei der Vielzahl der Werften in Europa bleiben erhebliche Potenziale zur Vereinfachung und Beschleunigung der Bauprozesse ungenutzt. „Zu Konsolidierungsthemen im Markt äußern wir uns grundsätzlich nicht. Wir konzentrieren uns weiter auf die Stärken, die uns als mittelständische Unternehmen auszeichnen: Agilität, Innovationskraft und langfristiges unternehmerisches Denken“, sagt Rino Brugge, Geschäftsführer von German Naval Yards. „Wir bringen drei Dinge zusammen, die im Markt zunehmend gefragt sind: industrielle Leistungsfähigkeit, langjährige Erfahrung im militärischen Schiffbau sowie verfügbare Kapazitäten. In einem Umfeld steigender Bedarfe ist genau diese Kombination ein entscheidender Faktor.“

Ein Verkauf an einen der beiden Interessenten hätte weitreichende Folgen für die deutsche Marinerüstung: Bekäme TKMS den Zuschlag, wüchsen zwei Werften wieder zusammen, die bis 2011 bereits jahrzehntelang eine Werft waren. Bis heute sind die beiden Schiffbauunternehmen auf dem Gelände räumlich eng miteinander verflochten, sie teilen unter anderem denselben Haupteingang. Rheinmetall wiederum käme mit einer Übernahme von German Naval Yards direkt auf das Terrain von TKMS. In den Bau von Marineschiffen war Rheinmetall erst im März eingestiegen, mit der Übernahme der Marinewerftsparte NVL von Lürssen. Ein Zukauf von German Naval Yards wäre eine massive Expansion in den Marinemarkt innerhalb sehr kurzer Zeit. Das würde grundsätzlich gut zum forschen Vorgehen von Rheinmetall-Chef Armin Papperger passen, zu dessen Konzern neuerdings unter anderem auch die Hamburger Werft Blohm+Voss gehört. 

In jedem Fall, so sieht es der besagte Brancheninsider, würden sich die Gewichte im europäischen Marineschiffbau zugunsten der deutschen Marineweften durch eine deutsche Übernahme von German Naval Yards spürbar verschieben. Angesichts einer wieder sehr unfriedlichen Welt könne das ein großer Vorteil sein: „Wir werden eine Europäisierung im Marineschiffbau sehen, daran führt kein Weg vorbei“, sagt er. „Eine Zeit lang war der deutsche vom europäischen Marineschiffbau gestaltet worden. Heutzutage können TKMS und Rheinmetall selbst mitgestalten. Erst recht nach einer Übernahme von German Naval Yards.“ Die Beschaffungsprozesse in Deutschland, darüber herrscht in der Rüstungswirtschaft Konsens, gehen viel zu langsam voran, vor allem für die Deutsche Marine beim Bau großer Kampfschiffe. Eine weitere Konzentration der deutschen Marinewerften könnte Komplexität reduzieren und neue Vorhaben beschleunigen.

Als nächstes großes Projekt für die Deutsche Marine steht nun der Bau der sechs neuen Fregatten F126 an. Kein einzelnes Vorhaben der Bundeswehr war je so teuer wie diese Schiffe für – aus heutiger Sicht – zehn Milliarden Euro. Rheinmetall rechnet damit, vom Bundesverteidigungsministerium bald als Generalunternehmer beauftragt zu werden. Die F126 ist auf die U-Boot-Jagd spezialisiert. Ihr Bau liegt derzeit mindestens drei Jahre hinter dem ursprünglichen Plan zurück. 2028 sollte die erste Fregatte an die Deutsche Marine abgeliefert werden. Rheinmetall will das erste der Schiffe bis 2031 fertigstellen.

Um das tatsächlich zu erreichen, wird auch German Naval Yards weiterhin mit eingebunden werden, wie schon von Anfang an geplant, als noch das niederländische Unternehmen Damen Naval für die F126 zuständig war. Auf der Kieler Werft sollen die Vorschiffe für die Fregatten entstehen. Dort werden sie beim sogenannten „Hochzeitsstoß“ später auch mit den Hinterschiffen vereint, die von der Peene-Werft des Rheinmetall-Konzerns in Wolgast kommen. Für die Endausstattung und Werfterprobung ist am Ende des Bauprozesses Blohm+Voss in Hamburg vorgesehen.

Fast eineinhalb Minuten lang fährt der kleine Fahrstuhl, Baujahr 1975, in einer der stählernen Säulen bis hinauf auf den großen Portalkran von German Naval Yards. Im Aufbau der mehr als 100 Meter hohen Struktur wurde vor Jahren ein Raum mit Fenstern eingerichtet. Von dort oben hat man den Rundumblick über die beiden eng benachbarten Werften und über Teile von Kiel.  German Naval Yards, die regionale Wirtschaft und die Landesregierung nutzen den exponierten Ort gelegentlich. Die Besucher erfreuen sich am Werftpanorama und an der lebendigen maritimen Szenerie im Hafen der Landeshauptstadt. „Wir sind in der Lage, einen noch größeren Beitrag zum Schiffbau für die Deutsche Marine zu leisten“, sagt Mark Siever an diesem sonnigen Tag hoch oben auf dem Krandach: „Die Potenziale des deutschen und europäischen Marineschiffbaus in den kommenden Jahren sind enorm.“

Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Er berichtet seit mehr als 30 Jahren über die maritime Wirtschaft, über Schifffahrt, Häfen und Werften, und auch über die Marinerüstung.

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