Das gleiche Problem tritt ja oft mehrmals auf. In Staffel 1 der Disney-Serie „The Bear“ wurde Chefkoch Carmen Berzatto – kurz Carmy und mit Spitznamen „Bear“ – kurz vor der Öffnungszeit seines Imbisses von einer Fontäne aus der Toilette getroffen. „The Original Beef of Chicagoland“ war ein Familienunternehmen, das Carmy (Jeremy Allen White) nach dem Freitod seines Bruders übernommen hatte – samt schrulliger Belegschaft.
Vier Jahre später ist nun die fünfte und letzte Staffel gestartet. Erneut gibt es einen Wasserschaden, der das Team um Carmys Familienfreund Richie (Ebon Moss-Bachrach) in Ermangelung der üblichen, jetzt nassen Kluft dazu zwingt, in alten T-Shirts zu bedienen. Auf denen steht aber nicht einmal „The Beef“. Sondern Druckfehler: „The Berf“. Das Restaurant heißt längst anders: Die explodierte Toilette war der Anfang vom Ende der Sandwich-Bude. Danach arbeitete Carmy, in Luxusrestaurants ausgebildet, zusammen mit seiner Schwester Natalie (Abby Elliott), der Jungköchin Sydney (Ayo Edebiri) und „Cousin“ Ritchie daran, an alter Stelle Sterneküche zu kredenzen. Das neue Lokal, „The Bear“ genannt und finanziert vom leicht mafiösen Onkel Cicero (Oliver Platt), muss zwar nicht ohne ein „Sandwichfenster“ zur Mittagszeit auskommen, wohl aber ohne die Daddelmaschine „Ballbreaker“.
Dass ein Unglück selten allein kommt, übersetzt man ins Englische so: „When it rains, it pours.“ Wenn’s regnet, schüttet es gleich richtig. In Staffel 5 wird das wörtlich genommen. Zusätzlich zum Rohrbruch ist der Himmel über Chicago schwarz. Dunkle Wolken hingen schon lange über dem Unternehmen. Da ist die Doomsday-Uhr, aufgestellt vom Geldgeber Cicero. Und Carmys Plan, das Restaurant zu verlassen. Das wissen nur wenige, doch Sydney verplappert sich, was den ohnehin hohen Doom-Faktor steigert. Da sind nämlich auch stornierte Lieferungen von Japan-Rind, ganz zu schweigen von immer fehlenden Löffeln. Die Gaststube platzt wegen Überbuchung aus allen Nähten. Im Starkregen spinnt die Reservierungs-App. Auf ihr findet sich der Name eines Restaurantkritikers, der für die Vergabe von Sternen zuständig ist.
Frühere Episoden von „The Bear“ waren auch mal als Murmeltier-Tag auf Speed gestaltet, mit den immer gleichen Problemchen wie heruntergepurzelte, zurückgehende, neu zu machende Speisen; viel Geschrei; ungeduldige Gäste, die just in dem Moment, in dem sich Köche lautstark „Fuck you!“ an den Kopf werfen, mit der gastronomischen Version des Cockpit-Besuchs besänftigt werden sollen: dem Küchenbesuch. All das ist noch da und erscheint zugleich anders, tragikomischer auch.
„Oh, we’re fucked“
Whites T-Shirts wurden zu Kultobjekten, ein Omelette mit Frischkäse und Chipskrümeln aus der Serie eroberte TikTok, und echte Küchenchefs zollten der realistischen Darstellung einer Sterneküche Respekt. Tatsächlich hat der Erfolg zwei Säulen. Die erste hat die „New York Times“ so beschrieben: „The Bear“ sei die erste Serie, die den Zuschauer zwingt, in einer Restaurantküche zu arbeiten. Wackelige Einstellungen, schnelle Schnitte und ein Geräuschpegel bis zum Kakophonischen versetzen mitten hinein in eine Schinderei, die auf den Tellern der Restaurantgäste kaum noch zu ahnen ist. Körperlich mitgenommen war man auch nach einem Rückblick auf ein Weihnachtsessen bei den Berzattos, bei dem eine versoffene Familienpatriarchin, enervierend gespielt von Jamie Lee Curtis, mit dem Mercedes ins Wohnzimmer brauste.
Curtis, die noch jetzt ihrer Serien-Enkelin Sätze wie „Oh, we’re fucked“ ins Babygesicht lacht, verkörpert einen gewaltigen Teil des psychischen Gepäcks, das die Berzatto-Geschwister mit sich herumschleppen. Ähnlich schwer trägt aber jeder in dieser Hexenküche. Ob Scheidungen, Zurückweisungen, der Tod der Mutter: Die zweite Säule, auf der „The Bear“ steht, ist die Idee, dass die „Family“, die sich täglich vor dem Ansturm der Gäste zum Dinner versammelt, ein Gegengewicht zur Abgefucktheit des eigenen Lebens bieten kann.
Das Erzählprinzip „Trauma“ hat „The Bear“ bei seiner Hauptfigur Carmy allerdings arg strapaziert. Die rasanten Collagen, die allerlei Unglück zeigten, waren zwar virtuos anzuschauen, sie erzeugten aber eine eigentümliche Unwucht zwischen dem, was sich zwischen dem Bear und seinen Mitstreitern entwickelte, und dem, was der Zuschauer über ihn schon wusste. Auch das hat sich nun geändert: Ruhig, verschlossen bleibt Carmy, während sich die Geschichte auf seine Nachfolgerin Sydney konzentriert, die versucht, im Hier und Jetzt die Kontrolle zu behalten. Am Ende darf man dennoch begrüßen, dass die Küche erst einmal kalt bleibt.