Kultur

Noch ein Tag Leben, bevor sie gegen die Deutschen in den Krieg müssen

Noch ein Tag Leben, bevor sie gegen die Deutschen in den Krieg müssen

Sofort nach Erscheinen im Jahr 1947 wurde der damals gerade 30-jährige amerikanische Schriftsteller John Horne Burns für seinen Erstlingsroman „The Gallery“ von Kritik, Publikum und Kollegen wie Ernest Hemingway, Martha Gellhorn und John Dos Passos gefeiert. Die deutsche Übersetzung von Günther Birkenfeld 1951 hingegen floppte. Fast acht Jahrzehnte später liegt nun in der Anderen Bibliothek eine neue Übertragung von Gregor Hens unter dem Titel „Galleria Umberto“ vor.

Süditalien wurde im Oktober 1943 von den Amerikanern eingenommen. Im Norden gab es das von Hitler-Deutschland besetzte Marionettenregime der „Republik Salò“, mit Mussolini als Statthalter. Ausgangs-, Durchgangs- und Endpunkt des Romans ist die „Galleria Umberto Primo“, eine überdachte Einkaufsmeile mit Geschäften, Cafés und Bars im Zentrum von Neapel. Alles läuft auf den August 1944 zu. Die Galleria ist von den Bombenangriffen der Alliierten gezeichnet – das Glasdach ist zersplittert, wenn man nach oben schaut, kann man die hinüberfliegenden Vögel sehen. Dennoch gibt es diesen Mikrokosmos aus amerikanischen Soldaten aller Dienstgrade, Frauen und Mädchen, die Ausschau nach Soldaten halten, Kindern, Versehrten, Hochstaplern und Gescheiterten, Misanthropen und Optimisten. Alle sind dort, wie es einmal heißt, auf der Suche nach „Tränen, Kunst und Liebe“.

„Galleria Umberto“ ist ein vielstimmiger Roman aus eigenständigen Novellen und Erzählungen, die sich in „Spaziergänge“ und „Porträts“ aufteilen. Porträtiert werden amerikanische Soldaten, die häufig mit dem „Virus der Verzweiflung“ geschlagen sind. Manche verbringen ihren letzten Tag in Neapel, bevor sie weiter in den Norden müssen, in den Krieg gegen die Deutschen. Sie wollen noch einmal in die Oper, eine Liebesnacht verbringen oder einfach trinkend über ihr Leben tausende Meilen entfernt von der Heimat nachdenken. So wie Leutnant Moses Shulman, genannt Moe, ein New Yorker Taxifahrer. Ein Angebot seiner Geliebten, ihn zu verstecken, lehnt er ab.

Burns zeichnet auch heitere Porträts, etwa von zwei Priestern, einem katholischen Pater und einem Baptisten-Kaplan, die sich ähnlich wie Settembrini und Naphta in Thomas Manns „Zauberberg“ streiten. In die gleiche Kategorie gehört die Erzählung über einen Sergeant, der in ein Lager eingewiesen wird, in dem Syphilis-Kranke einkaserniert und mit dem neuen Medikament Penicillin behandelt werden. Man lernt Mamma kennen, eine wohlhabende Frau, die in der Galleria täglich für drei Stunden eine kleine Schwulen-Bar betreibt und inmitten des dichten Zigarettenqualms in ihrem Goldfischglas über die „Grenze zwischen dem Männlichen und dem Weiblichen“ philosophiert.

Die Episode „Das Blatt“ ist eine Satire auf die Militärbürokratie. Ein fachlich wie menschlich unfähiger Offizier, der von seiner dichtenden Frau freiwillig von Virginia aus in den Krieg zieht, kommt fast zufällig in eine leitende Position eines Oberzensors und wird laufend befördert, weil niemand weiß, wie er seine Untergebenen schindet. Burns wusste, wovon er schrieb, war er doch im Krieg selber als Zensor tätig.

Im Gegensatz zu den Porträts, die eine personale Erzählposition einnehmen, sind die „Spaziergänge“ zwar in der Ich-Form erzählt, aber der jeweilige Erzähler tritt in den Hintergrund zugunsten topografischer Beobachtungen und bisweilen ethnografischer Einblicke in das Leben von Casablanca, Fedala, Oran oder Algier in den 1940er Jahren, mitten im französischen Kolonialismus. Hier treten Spannungen zwischen Briten und Amerikanern zutage (die auch George Orwell in seinen Kolumnen thematisierte), nicht zuletzt, weil man sich, bedingt durch die Dialekte der britischen Soldaten, im Funkverkehr schlicht nicht verständigen konnte. Für die meisten amerikanischen Soldaten war nach der „Operation Torch“ im November 1942 Nordafrika nur Durchgangsstation nach Italien.

Neapel als schmutzige, stinkende Stadt

Die letzten drei Spaziergänge spielen in Neapel. Vier amerikanische Soldaten legen sich die Welt zurecht. Für sie ist Italien die Hölle, Neapel eine schmutzige, stinkende Stadt, in der Typhus ausgebrochen ist, in Trümmern liegend, ein „zerstörter, rauchender Schrotthaufen, ein Ameisenbau, dessen Volk sich blindlings einer großen Sache verschrieben hatte“, aber zugleich auch „grässlich und wunderschön“ und „todkrank und lebendig“. Viele Italiener geben den Amerikanern die Schuld für den Krieg und ihr Elend, und begegnen den Soldaten feindselig. Die Lebensmittelversorgung ist zusammengebrochen, Soldaten verkaufen Essensrationen und Zigaretten zu Wucherpreisen, spendieren den Mädchen Kaugummi für Sex und wundern sich, wenn sie bestohlen werden. Verachtung auf beiden Seiten.

Durch die Eigenständigkeit der einzelnen Episoden entstehen zwar bisweilen Redundanzen, etwa wenn es um das Stadtbild Neapels geht. Aber neben dem souveränen Umgang mit unterschiedlichen literarischen Formen besticht der Roman durch gelungene Sprachbilder. Da ist zum Beispiel davon die Rede, dass das Denken „die Seuche des modernen Lebens“ sei, aber, ein Glück, „die Flieger der Air Force hatte das Virus noch nicht erreicht“. Es wird festgestellt, dass es selbst auf dem Soldatenfriedhof keinen Frieden gebe. Und einmal fallen „Worte wie klackernde Eiswürfel in einem Whiskeyglas“. So verzeiht man die wenigen Szenen mit Schwulst, etwa Moes letztes Liebesabenteuer.

Man mag bei Burns’ Roman über das besetzte Neapel an „Die Haut“ von Curzio Malaparte denken, doch „Galleria Umberto“ knüpft eher an die Großstadtromane der Moderne an, etwa die USA-Trilogie von John Dos Passos. Der wiederum zog den Vergleich mit „Krieg und Frieden“. Bis auf Moes Einsatz in der Toskana kommt der Roman ohne direkte Kriegsszenen aus. So wird der Leser nicht gezwungen, sich mit einer Person zu identifizieren, wie dies zumeist in sogenannten Antikriegsromanen der Fall ist.

Es gibt bei Burns keine Helden. Sowohl Besatzer als auch Besetzte sind im August 1944 physisch und psychisch zerrüttet. Gezeigt wird der Kampf zwischen perspektivlosem Existieren und italienischem Lebenswillen. Burns gelingt das ohne Pathos, ohne Pädagogik und ohne Drama. Er vertraut auf den Leser und dessen Evokationskraft. „Galleria Umberto“ ist großartige Literatur. Es ist schade, dem Nachwort von Gregor Hens zu entnehmen, dass der mit 36 Jahren früh verstorbene Burns ein unglücklicher Mensch war.

John Horne Burns: Galleria Umberto. Aus dem Englischen von Gregor Hens. Die Andere Bibliothek. 492 Seiten, 48 Euro

Lothar Struck betreibt das Blog begleitschreiben.net und ist der Mann, der alles über Peter Handke weiß.

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