Berlin – Es war von vornherein eine höchst befremdliche Aktion. Tief in der Nacht nach Deutschlands Debakel-Spiel gegen Paraguay, um 1.53 Uhr, drückte ein Social-Media-Verantwortlicher im Kanzleramt auf den Senden-Knopf. Verbreitet wurde auf X: eine Jubelarie des Kanzlers auf die angeblich heldenhafte deutsche Elf. „Auch wenn das Ausscheiden schmerzt: Was für ein Spiel, DFB-Team! Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch.“
Und wer noch wach war, fragte sich schon da verwundert: Hä? Hat der Regierungschef eigentlich dasselbe Spiel gesehen? Muss von höchster Stelle eine so enttäuschende Leistung auch noch hochgejubelt werden?
Im Kanzleramt waren sie nach BILD-Informationen entsetzt, als morgens nach einer kurzen Nacht der Schaden sichtbar wurde. „Überflüssig wie ein Kropf“ sei der ganze Post zur Unzeit gewesen, das hätte in Ruhe am Tag darauf gemacht werden können, hieß es zu BILD. Von einem Donnerwetter ist nach übereinstimmenden Angaben die Rede, auch Merz soll nicht „amused“ gewesen sein.
Merz kassierte viel Häme auf X
Kein Wunder: Bei X ergoss sich Häme über den Regierungschef: „Wie schaffen Sie es eigentlich, so konsequent in jeder Situation immer das Unpassendste zu sagen, was möglich ist?“, war noch eine vergleichsweise freundliche Reaktion. Aber WIE konnte es zu diesem Kommunikationsgau kommen?
Im Kanzleramt wurde der Hergang rekonstruiert. Demnach waren offenbar für verschiedene Spielausgänge verschiedene Kanzler-Tweets vorformuliert worden. An den entsprechenden Überlegungen war nach BILD-Informationen auch Regierungssprecher Stefan Kornelius beteiligt. Als es dann in der Nacht darum ging, den Post abzusenden, wurde dann, wie der „Tagesspiegel“ berichtete, entgegen den vorherigen Absprachen ein falsches Posting veröffentlicht. Das aber dementierte ein Regierungssprecher gegenüber BILD.
Beitrag war offenbar nicht freigegeben
Dennoch kann nicht angenommen werden, dass der Text noch einmal zur finalen Abnahme vorgelegt worden ist. Das Kanzleramt spricht von einem Vorgang auf Arbeitsebene, der „nicht offengelegt“ werde. „Wir haben gesagt, dass es eine Kommunikationspanne ist. Dabei bleibt es.“
Um der tags darauf stündlich wachsenden Empörung die Spitze zu nehmen, entschied das Bundespresseamt, mit einem zweiten Posting nachzulegen. Es wurde: die Flucht nach vorn. Denn Merz stellte sich erneut vor die Mannschaft: „Erfolge feiern wir gemeinsam. Und in der Niederlage stehen wir zusammen. Das macht uns stark. Wer den Adler auf der Brust trägt, hat unseren Rückhalt verdient und nicht unseren Spott.“
Gleichzeitig drückte sein Post aus, was – völlig verunglückt – auch der erste wohl schon transportieren sollte: Trost und Zusammenhalt …