Politik

Horrorszenario: Die Wahrheit über den „Golfstrom-Kollaps“

Horrorszenario: Die Wahrheit über den „Golfstrom-Kollaps“
TTS-Player überspringen↵Artikel weiterlesen

Hektisches Piepen im Kontrollraum kündigt die Apokalypse an: Im Kinofilm „The Day After Tomorrow“ melden im Nordatlantik treibende Bojen per Funk den Ausfall einer warmen Strömung und zeigen damit die heraufziehende Eiszeit an. EU-Politiker fordern nun, ein solches Warnsystem einzurichten, sie halten einen Kollaps des Golfstrom-Systems auch in Wirklichkeit für möglich, berichtet „Politico“.

Das Szenario hat sich ins kollektive Gedächtnis geprägt: Meeresströmungen, die warmes Wasser aus dem Golf von Mexiko in den hohen Norden spülen und deshalb in Europa mildes Klima ermöglichen, drohen zu schwächeln – die Rede ist von der Atlantischen Umwälz-Zirkulation, kurz AMOC (englisch für: Atlantic Meridional Overturning Circulation). Die Folge wäre dramatische Abkühlung in Europa.

Schuld wäre die globale Erwärmung, die gigantische Mengen Schmelzwasser vom tauenden Grönlandeis auslöst: Das Süßwasser könnte das Getriebe der Meeresströmungen im Nordatlantik stören.

Ursprung der Warnung

Dass die nördlichen Ausläufer des Golfstroms schwächeln können, offenbaren Spuren der Erdgeschichte: Im Meeresboden des Nordatlantik fanden Geoforscher massenhaft Eisbergschutt – Spuren früherer Schmelzwasserfluten, welche die Meeresströmungen vermutlich verlangsamten.

Der Ozeanforscher Wallace Broecker warnte deshalb bereits 1987 vor „unerfreulichen Überraschungen im Treibhaus“, wenn eine globale Erwärmung erneut für Fluten von Schmelzwasser aus Grönland in den Nordatlantik sorgen könnte.

Doch die Theorie vom „Kollaps“ der Strömungen war nie gefestigt. Das Kippen könnte nicht nur das Strömungssystem betreffen, sondern auch seine Meinung zu der Theorie, frotzelte Broecker. Alle Sachstandsberichte des UN-Klimarats seit 1990 ordneten das Szenario als spekulativ ein.

Mediales Trommelfeuer

Doch differenzierte Studien drangen nicht durch, Medien gaben wie auch jetzt wieder meist schrille Warnungen weiter, allen voran vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK).

1991 warnte der „Spiegel“ wegen des Strömungskollapses vor „einer neuen Eiszeit in 50 Jahren“, im frostigen deutschen Winter 1996/97 wähnte das Magazin den Golfstrom bereits gekippt, und sah auch Anfang der 2000er-Jahre mehrfach die Eiszeit aufziehen.

2004 versuchte der Urheber der Kollaps-Theorie, Meeresforscher Broecker, im Wissenschaftsmagazin „Science“ zu bremsen: Er kritisierte die „übertriebenen Szenarien in den Medien“. Ein paar Monate später aber titelten Medien weltweit auf Grundlage einer neuen Studie, die Nordatlantikströme seien bereits im Kollaps begriffen. Die Studie erwies sich als falsch.

Dem medialen Trommelfeuer zum Trotz bleibt der UN-Klimareport in den Zusammenfassungen seiner Sachstandsberichte stets nüchtern, wenn es um das Strömungssystem im Nordatlantik (AMOC) geht: Es sei unklar, ob es sich abgeschwächt habe und wie es weitergehen werde.

Studien, die kein Schwächeln der Strömungen sehen, machen keine Schlagzeilen. Dabei berichtete das bedeutende Wissenschaftsmagazin „Science“ gerade im Juni, dass die Fachwelt sich abgewandt hat vom Kollaps-Szenario: „Nach jahrzehntelangen Warnungen deuten neue Daten darauf hin, dass die lebenswichtige Zirkulation des Atlantiks der Klimaerwärmung besser standhalten könnte als befürchtet“.

„Naive Annahmen“

Das Verständnis der Meeresströmungen, auf dem die Theorie fuße, sei veraltet, erläutert die Ozeanforscherin Susan Lozier von der Georgia Tech University. Wissenschaftler hätten „etwas naive Annahmen“ gehabt.

Kurz zuvor hatte es einen medialen Aufschrei gegeben, nachdem eine Studie in „Science Advances“ behauptete, ein „physikbasiertes Frühwarnsignal“ würde zeigen, dass die Ausläufer der AMOC „auf Kippkurs“ seien. Diesmal wandten sich schwedische Meeresforscher an Medien, um gegen den alarmistischen Vorstoß zu protestieren.

Die bisherige Entwicklung der Strömungen lesen Meeresforscher vor allem aus Sedimenten am Meeresgrund. Erst seit 2004 messen Bojen den Golfstrom kontinuierlich entlang des 26 Breitengrades.

Die Idee für das System sei ihm bei seiner Doktorarbeit Mitte der 1980er-Jahre über die nordatlantischen Strömungen gekommen, erzählt der Initiator der Messreihe, der Klimaforscher Jochem Marotzke, heute Co-Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg.

Seriöse Einschätzungen

Die Messdaten zeigen bislang keinen Trend. Was sagt Deutschlands führender AMOC-Forscher zu den Kollaps-Warnungen – gibt es plausible Anzeichen? „Nein“, erklärt Marotzke. „Einige indirekte Indikatoren deuten eine Abschwächung an, aber die direkten Strömungsmessungen tun dies nicht.“ Episodische Messungen der AMOC zeigten stabile Zirkulation seit der Mitte vergangenen Jahrhunderts.

Was ist die derzeit wahrscheinlichste künftige Entwicklung? „Wir rechnen auf jeden Fall mit einer Abschwächung im 21. Jahrhundert“, sagt Marotzke. „Aber wie schnell, wie stark und wie dauerhaft ist weiterhin unklar“.

Das Eiszeitszenario sei auch deshalb fraglich, weil selbst bei starker Abschwächung der nordatlantischen Meeresströme die zunehmende globale Erwärmung den Effekt ausgleichen könnte. Ob es dann überhaupt zu einer Abkühlung in Europa kommen würde? Marotzke bleibt sachlich: „Wir wissen es nicht“.

Vielleicht verpasst