Tel Aviv – Der ganz große Jubel blieb ihm auf seiner Wahlparty in Tel Aviv verwehrt, als die ersten Hochrechnungen veröffentlicht wurden. Und doch kann Gadi Eisenkot zufrieden sein. Seine Partei „Yashar!“ („Gradlinig!“), wurde nach aktuellem Stand zwar nicht wie von vielen Umfragen prognostiziert stärkste Kraft, doch gemeinsam mit den anderen Oppositionsparteien bildet Eisenkot den größten Block und darf hoffen, von Präsident Herzog den Auftrag zur Regierungsbildung erteilt zu bekommen.
Eisenkot hat einen steilen Aufstieg hingelegt. Als Sohn marokkanisch-jüdischer Einwanderer wuchs er in einfachen Verhältnissen auf. In der Armee arbeitete er sich vom einfachen Infanteristen zum ranghöchsten Militär Israels empor. Erst vor vier Jahren stieg er in die Politik ein. Er ist kein Bühnentalent und kein begnadeter Redner wie Netanjahu, sein Englisch ist nicht perfekt. Aber Eisenkot ist es gelungen, das Vertrauen vieler Israelis zu gewinnen.
Nicht nur seine Aufstiegsgeschichte begeisterte einen nennenswerten Teil der Wähler, sondern auch die seines persönlichen Verlustes. Eisenkots Sohn wurde im Krieg gegen den Hamas-Terror im Gazastreifen getötet. Sein Schmerz wurde zum Schmerz eines ganzen Landes. Und sein Versprechen, das Versagen von Regierung, Geheimdiensten und Militär rund um den 7. Oktober mit einer unabhängigen Untersuchungskommission schonungslos aufzuklären, trieb viele Israelis in die Wahllokale. Eisenkot hat einem beträchtlichen Teil der Gesellschaft den Glauben zurückgegeben, dass die Politik über Selbstreinigungskräfte verfügt.
Der zweite Gewinner sind die arabischen Parteien. Während Israel von seinen Gegnern häufig als Apartheidstaat geschmäht wird, ist die Realität eine andere. Die arabischen Israelis machen rund 20 Prozent der Bevölkerung aus, ihre Interessen werden im Parlament von arabischen Parteien repräsentiert. Bei dieser Wahl holte der Zusammenschluss dieser Parteien nach aktuellem Stand so viele Sitze in der Knesset wie nie zuvor. Ihr Spitzenkandidat Mansour Abbas könnte zum Königsmacher werden. Auch wenn die relevanten zionistischen Parteien eine Koalition mit Abbas im Vorfeld ausgeschlossen haben, könnte er eine Minderheitsregierung ermöglichen.
Der dritte und größte Gewinner sind die Israelis selbst. In vielen Wahllokalen war eine Begeisterung über die Stimmabgabe zu spüren, wie man sie sich auch in Deutschland wünschen würde. Viele Israelis nahmen ihre Kinder mit zur Wahlurne, vor Wahllokalen lief laute Musik, es herrschte Feiertagsstimmung. Die langen Wartezeiten in den Schlangen wurden als Privileg empfunden. Weil es in Israel keine Briefwahl gibt, nahmen rund 70.000 Staatsbürger hohe Flugpreise in Kauf und reisten aus dem Ausland an, um ihr Recht auf demokratische Teilhabe wahrnehmen zu können.
Dieser Enthusiasmus wird die Geschichtsbücher eingehen: Die Wahlbeteiligung war die höchste aller Zeiten. Die Israelis haben der ganzen Welt gezeigt, wie sehr ihnen die Demokratie am Herzen liegt.