Aus den Augen von Adelard Mayanga (77) spricht eine gewisse Traurigkeit. Der ehemalige Nationalspieler ist ein Pionier des kongolesischen Sports, nahm 1974 an der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland teil. Heute lebt Mayanga in einem unscheinbaren Backsteinreihenhaus in einem Vorort von Charleroi (Belgien). Fast vergessen ist sein Ruhm, angestaubt seine Pokale in der Vitrine im Wohnzimmer. Und vor wenigen Monaten starb seine Frau.
Spricht Mayanga aber über den Fußball, verändert sich sein Blick. Die Serviette wird zum Tor, das Colaglas zum Gegenspieler. Rechts angetäuscht, links abgezogen. „Ich konnte gut mit den Augen lügen“, sagt Mayanga zu BILD. So trifft er in einem Freundschaftsspiel gegen den FC Santos um Weltstar Pelé.
Wegen seiner Dribblings nannten sie ihn Goodyear
Mayangas Spitzname: Goodyear, so wie die Reifen. „Weil ich immer überall durchkam.“ Der Linksaußen ist einer der besten Fußballer seiner Zeit. Doch seinen Namen kennt kaum noch jemand. Das liegt auch am größten Turnier, an dem Mayanga teilnahm: der Fußball-WM.
Kinshasa, Mitte der 1960er Jahre. Mobutu Sese Seko, Diktator der Demokratischen Republik Kongo (damals Zaire), ordnete an, dass alle im Ausland spielenden Fußballer in die heimische Liga wechselten.
Sein Plan: eine schlagfertige Nationalmannschaft zusammenstellen, die sich für die WM qualifiziert. Und „die Leoparden“ lösten das Ticket für die Endrunde 1974 in Deutschland, waren das erste Team aus Subsahara-Afrika bei einer WM. Die Spieler kriegten von Mobutu ein Auto und ein Haus geschenkt.
Doch die damals historische WM-Teilnahme wurde zum Fiasko. Nach dem ersten Spiel (0:2 gegen Schottland) blieben die versprochenen Prämien aus, das Geld landete in der Tasche eines mitgereisten Politikers.
WM 1974: Prämienstreit ruiniert Zaires Teamchemie
„Wir waren sauer. Dieser Streit hat die Stimmung in der Mannschaft ruiniert“, sagt Mayanga heute. Die Spieler, damals allesamt Amateure, drohten sogar mit einem Boykott. Traten doch an und gingen 0:9 gegen Jugoslawien unter. Trainer Blagoje Vidinic kündigte noch vor dem letzten Gruppenspiel gegen Brasilien seinen Rücktritt an.
Dabei war die Partie gegen den damals amtierenden Weltmeister um Rivellino das Highlight. „Ich dachte nie, dass ich diese Spieler einmal treffen würde. Ich habe mir versucht einzureden, dass das nichts Besonderes ist. Aber ich war ein großer Fan“, sagt Mayanga. Zaire verlor 0:3, Mayanga tauschte sein Trikot mit Jairzinho. Das Shirt wird ihm Jahre später geklaut.
Gerüchte, dass Diktator Mobutu der Mannschaft per Telegramm drohte oder einige Spieler nach der WM im Gefängnis landeten, stimmen nicht, sagt Mayanga. Die Wahrheit stattdessen: „Wir kamen nach dem Turnier in Kinshasa an und niemand war da. Es gab keinen Empfang, nichts.“
Machthaber Mobutu verlagerte sein Sportinteresse. Vier Monate nach der WM fand in Kinshasa der „Rumble in the Jungle“ statt, der größte Boxkampf aller Zeiten zwischen George Foreman und Muhammad Ali. Vergessen und vernachlässigt das Erbe der WM‑Fahrer.
WM-Held Kakoko spielte später in Deutschland
Mayangas bester Kumpel Emmanuel Kakoko („Wir waren wie Zwillinge“) wechselte drei Jahre nach der WM nach Deutschland, spielte unter anderem für den 1. FC Saarbrücken. Schlimmer das Schicksal von Stürmer Pierre Ndaye, der Zaire 1974 zum Titel beim Afrika-Cup geführt hatte. Er wurde nach der WM bei einem Überfall angeschossen. Der einstige Nationalheld floh nach Südafrika, verstarb 2019 in Armut. Zaires goldene Generation war da schon lange zerfallen.
Es dauerte 52 Jahre bis zur nächsten WM-Qualifikation der DR Kongo. Beim vielleicht größten Spiel des kongolesischen Fußballs war Mayanga irgendwie doch dabei. WM-Sechzehntelfinale gegen England, knapp 1:2 verloren. Das zwischenzeitliche 1:0 für den Außenseiter schoss Brian Cipenga (28). In der DR Kongo nennen sie ihn „Petit Mayanga“, den kleinen Mayanga. „Die Jungen wählen meinen Namen, das freut mich“, sagt der große Mayanga. Stolz spricht aus seinen Augen. Und dieses Mal lügen sie nicht.