In Würde altern. Das wird eines der großen kulturellen Themen der Zukunft sein, weil immer mehr Menschen alt werden und die alternde Gesellschaft junge Alte benötigt: tatkräftig, unermüdlich, diszipliniert und rastlos. Stefan Aust, den ich mit aller Vorsicht und Zurückhaltung aus Respekt mittlerweile so etwas wie einen Freund nennen würde, ist, wie so oft in seinem Leben, ein Vorreiter.
Das Witzige an Stefan ist, dass er weiß, dass er Avantgarde ist, und gleichzeitig damit kokettiert – und auch wieder nicht –, nur überdurchschnittlich durchschnittlich zu sein. Wenn man das verstanden hat und weiß, dass Stefan vom Land kommt, wo er heute wieder lebt, in der Nähe seiner Pferde und seines Gestüts, dann wird einem klar, dass Stefan Aust als Erfolgsmodell die besten Tugenden der guten alten Bundesrepublik verkörpert: Er steht mit beiden Beinen fest auf dem Boden und trägt doch auf fast zwanghafte Weise eine innere Unruhe in sich, die ihn mit Wissensdurst und Neugier von morgens bis abends antreibt. Alles andere als Erfolg zu haben, erscheint ihm dabei lächerlich.
Als ich Stefan Aust irgendwann in den Nullerjahren bei einem Abendessen mit der damaligen Kanzlerin auf Sylt kennenlernte, war er auf einzigartige Weise genauso, wie ich ihn als Fan aus den legendären Moderationen bei „Spiegel TV“ kannte und wie ich ihn mir nach der Lektüre seines exzellenten Baader-Meinhof-Buchs vorgestellt hatte.
Diese norddeutsch karge, aber elegante Mischung aus Frechheit, Abgeklärtheit und blitzgescheitem Humor hatte etwas unmittelbar Einnehmendes. Allergisch gegen überraschungsfreie Konversation war Aust ein Disruptor, lange bevor es den Begriff überhaupt gab. Er war destruktiv, weil er dem „Weiter so“ schon damals jede Autorität absprach und mit seiner wilden und bunten Biografie vorlebte, wie ein erfolgreiches Leben aussehen müsste: mit einem starken Standbein und einem noch stärkeren Spielbein, den Kopf in den Wolken und zugleich mit einem feinen Gespür für das, was kommen mag.
Stefan Aust, der Neuerfinder des politischen Fernsehens
Stefans unfassbarer Erfolg – nie mehr wird der „Spiegel“ das sein können, was er unter Aust war –, seine Erfindung beziehungsweise Neuerfindung des politischen Fernsehens mit „Spiegel TV“ und auch sein frühes Verständnis der digitalen Revolution: All das macht ihn zu Recht zu einer herausragenden Figur der Mediengeschichte der Bundesrepublik. Wobei man zugleich sagen muss, dass das aktuelle Spitzenpersonal im Journalismus oft nur noch Spurenelemente dieser universellen Begabung besitzt.
Stefan wird heute 80 Jahre alt. Wer ihn sieht und trifft, ahnt, dass es ein Leben in Würde und Glanz geben kann – voller jugendlicher Energie, auch wenn das Geburtsjahr im Pass etwas ganz anderes vermuten lässt. Stefan hat nichts von seiner unendlichen Lust am Randalieren verloren. Gleichzeitig ist er auf eine sehr erwachsene Art so viel verständiger geworden als in jenen Jahren strahlender Macht, in denen er – so hört man – auch überaus verletzend sein konnte.
Aust verkörpert die Generation einer habituellen linken Mitte, auch wenn er das für sich im Zweifel ablehnen würde. Eine Haltung, die mit Figuren wie Otto Schily und Gerhard Schröder verbunden war, die wussten, dass es soziale Gerechtigkeit nur geben kann, wenn die Wirtschaft wächst und die innere Sicherheit gewährleistet ist. Man muss Aust und Schily nur einmal bei einem freundschaftlichen Plausch erleben, um staunend zu registrieren, welcher Qualitätsverlust in Politik und Medien in den vergangenen 20 Jahren stattgefunden hat.
Es gehört zu den größten Ehren meines beruflichen Lebens, dass ich Stefan zweimal nachfolgen durfte: 2016 als Chefredakteur der WELT-Gruppe und 2025 als Herausgeber von WELT, „Politico Deutschland“ und „Business Insider“.
Stefan Aust wird in die Geschichte des Journalismus eingehen als einer der großen mutigen Aufklärer seiner Zeit, der rücksichtslos gegenüber Freund und Feind die eigene Skepsis und den universellen Zweifel auf alles und jeden angewandt hat. Und je öfter man mit Stefan spricht, desto deutlicher wird, dass dieser Zweifel weniger aus einem verschraubten Intellektualismus kommt, als vielmehr aus seiner bäuerlichen Herkunft, die all jenen Abstraktionen und hochtrabenden Moralismen schlicht und ergreifend instinktiv widerspricht.
Wenn Stefan Aust etwas sagt, dann meint er es. Und wenn er etwas bezweifelt, dann gibt er keine Ruhe, bevor er die besten Gründe und Kronzeugen für seinen Zweifel gefunden hat. Die nachgeborenen Generationen von Journalisten verstehen immer weniger von dieser Haltung.
Aktuell muss man leider sagen, dass eine linksdogmatische Form der Realitätsverweigerung den Journalismus prägt. Etablierte Medien hätten wahrscheinlich eine bessere Zukunft, wenn sie mehr Stefan Austs in ihren Reihen hätten: junge, freche, undogmatisch skeptische, hochintelligente Köpfe – und weniger Moralsprechpuppen, die heute in nahezu allen Redaktionen bestenfalls zwei Drittel, schlimmstenfalls sechs Siebtel der Belegschaft auszumachen scheinen.
Lieber Stefan,
alles Gute zum 80. Geburtstag! Lass Dich feiern, bleib gesund und munter – und vor allem so, wie Du bist.