Berlin – Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj (48) ist am Dienstag zu Besuch bei Bundeskanzler Friedrich Merz (70, CDU) in Berlin eingetroffen. Dabei geht es um Waffen und viel Geld. Es braucht einen Plan für einen tragfähigen Frieden für die Ukraine. BILD stieß bei Recherchen auf einen brisanten Friedensfahrplan mit dem Titel „Agriculture needs peace“ (Landwirtschaft braucht Frieden). Der Vorschlag stammt aus dem Jahr 2024 und sieht vor, dass die umkämpften Gebiete im Osten der Ukraine für fünf Jahre unter UN-Verwaltung kommen. Anschließend sollen die Menschen in freien Volksabstimmungen entscheiden, ob sie zur Ukraine oder zu Russland gehören wollen.
Nach BILD-Recherchen entstand der Plan in der deutschen Botschaft in Moskau. Diplomaten aus Russland und den USA waren nach Darstellung des Verfassers in die Überlegungen einbezogen. BILD fand den Urheber! Es ist der deutsche Top-Diplomat Martin Nissen (68), damals an der Botschaft für Landwirtschaft zuständig, heute im Ruhestand in Berlin.
Mit dem Papier konfrontiert, bestätigt er: „Sie haben recht. Mit diesen vier Fingern habe ich die Roadmap getippt.“ Dabei zeigt er vier Finger seiner Hände. Nissen berichtet von Gesprächen mit dem russischen UN-Diplomaten Wladimir Kusnezow (69). Am 1. August 2024 kam es zu einem entscheidenden Treffen. In der Roadmap schreibt Nissen: „Die klare Botschaft aus dem Gespräch war, dass Russland bereit war, in Verhandlungen einzutreten.“ Kusnezow habe versichert, die Gespräche seien „mit der Arbeitsebene im Außenministerium und im Kreml abgestimmt“.
Über Kreml-Chef Wladimir Putin (74) behauptet Nissen im BILD-Interview: „Putin war dafür.“ Eine offizielle Bestätigung fehlt. Auch Amerika soll eingeweiht gewesen sein! Nissen informierte die amerikanische Botschaft in Moskau. Sein Papier sei nach Washington weitergeleitet worden. Die amerikanischen Diplomaten hätten seine Ideen laut Roadmap „sehr unterstützt“.
Was wussten die Sozialdemokraten?
Auch die SPD-Spitze wusste nach Nissens Darstellung Bescheid: Olaf Scholz (68, SPD), Boris Pistorius (66, SPD). Das Auswärtige Amt erklärte jetzt auf BILD-Anfrage: „Etwaige Gespräche über eine ‚Roadmap Landwirtschaft für den Frieden‘ sind weder im Auftrag noch in Abstimmung mit dem Auswärtigen Amt erfolgt.“ Auch Scholz und Pistorius distanzieren sich. Pistorius spricht von „privater Initiative“.
BILD konnte einen weiteren vertraulichen Vermerk („3. Treffen“) vom 19. September einsehen: „Unterhändler Kusnezow: Unsere Gespräche werden im russischen Außenministerium und in der Präsidialverwaltung auf Arbeitsebene behandelt (im Außenministerium bis hinauf zur Ebene des stellvertretenden Ministers). In einem Gespräch sei Kusnezow mitgeteilt worden, dass Gespräche mit dem deutschen Botschafter unerwünscht seien, da dieser auf einer ,schwarzen Liste‘ stehe. Mit anderen Mitarbeitern der Botschaft könne er jedoch sprechen.“
Neue Chance?
Die Roadmap aus dem Jahr 2024 sieht Verhandlungen über Truppenrückzug, Sicherheitsgarantien, Gefangenenaustausch und Wiederaufbau vor. Nissen ist überzeugt: Der Plan wäre noch immer ein gutes Friedensangebot: „Auch heute würde die Initiative ‚Landwirtschaft für Frieden‘ noch funktionieren. Ich würde mir wünschen, dass sie noch mal von allen Seiten mit Wohlwollen geprüft wird.“ Und weiter: „Jeder Mensch, dessen Leben durch den Krieg in Gefahr ist“, sei diese Anstrengung wert!