Es gab mal eine Zeit, da war Literatur wirklich gefährlich. Der niederländische Schriftsteller Harry Mulisch zum Beispiel soll Kritiker, die ihn in seinem schmalen Haus in Amsterdam besuchten, die Treppe heruntergescheucht haben, wenn sich herausstellte, dass sie nicht sein Gesamtwerk gelesen hatten. Patricia Highsmith, der Göttin des antibürgerlich-amoralischen Noir-Romans, ging ein ähnlicher Ruf voraus.
Wer die legendäre Kriminalromanautorin in ihren letzten Jahren in ihrem Chalet in den Schweizer Alpen besuchen wollte, musste abgeschlossen haben mit dem Leben. Highsmith war eine gefährliche Seele und hasste alle und alles. Die amerikanische Gesellschaft, die Juden, die Weißen, die Nicht-Weißen, die Schwulen, die Nicht-Schwulen. Schnecken mochte sie und Waffen und Whisky und Zigaretten.
Deswegen ist Edward Ridgeway nicht zu beneiden. Der wird 1995, so will es Anton Corbijn in seinem Film „Ein Talent fürs Morden“, der auf dem Theaterstück „Switzerland“ der Australierin Jonna Murray-Smith beruht, vom New Yorker Highsmith-Verlag in die Schweiz geschickt. Er ist Lektor, er ist jung, kommt gesellschaftlich aus dem Nichts – und er kennt das Highsmith-Werk auswendig, wie man das Mulisch-Werk hätte auswendig kennen müssen.
Der sechste Ripley
Edward Ridgeway soll schaffen, was keiner vor ihm geschafft hat (der letzte Lektor mit gleicher Mission ist nach einem Besuch bei der Highsmith spurlos verschwunden, nachdem er am Telefon von einem Messer gefaselt hat): Er soll Patricia Highsmith einen letzten, sechsten Roman mit jener Figur aus den Rippen leiern, die sie berühmt und reich gemacht hat: Tom Ripley, ein Mann aus dem gesellschaftlichen Nichts, die Verkörperung des amoralischen, antibürgerlichen Bösen, Chamäleon des Finsteren, der ungestraft in der europäischen High-Society mordet. Das allerdings ist lange her. „Der talentierte Mr. Ripley“ ist 1955 erschienen.
Vierzig Jahre später sitzt Patricia Highsmith – damit geht „Ein Talent fürs Morden“ los – in einem verschossenen Sessel, schaut aus ihrer gigantischen Fensterfront auf noch gigantischere Berge. Sie trinkt Whisky, raucht und fühlt sich von der mechanischen Schreibmaschine bedroht, in die ein leeres Blatt eingezogen ist, auf das sie vermutlich nie im Leben wieder ein Wort hämmern wird.
Tatsächlich liegen die Weltrechte der Übelnehmerin aus Fort Worth, Texas, in Zürich beim Diogenes-Verlag, es hätte also niemand in alter Henry-James-Manier aus New York anreisen müssen. Doch um Faktizität geht es weder Regisseur Corbijn noch Vorlagengeberin Murray-Smith. Sondern um ein literarisches, ein cineastisches Spiel, um ein Noir im Noir, ein mit allen Wassern der Highsmith-Kenntnis gewaschenes Vexierspiel übers Böse, die Gesellschaft und die Abgründe im Menschen. Mit einem Biopic hat „Ein Talent fürs Morden“ so wenig zu tun wie die Ripley-Geschichten mit gewöhnlichen Kriminalromanen.
Womit wir bei Helen Mirren wären, die Patricia Highsmith unerschrocken, verführerisch, dämonisch, finster und irrlichternd spielt: ein charmantes Monster, immer noch hellwach, bis zur Unterlippe voll ätzender Gesellschaftssatire. Man kann eigentlich gar nicht genug von ihr bekommen, würde tatsächlich gern noch mehr von ihr bekommen, aber Corbijn hat auch eine Geschichte zu erzählen.
Im Käfigkampf mit der menschenmordenden Patricia in den Schweizer Bergen muss Edward Ridgeway, um den Ripley-Kontrakt einzufahren, seine Seele verkaufen – eines von vielen Ripleyesken Motiven im Film. Im Zug hat er eine junge Frau kennengelernt (man denke an den Highsmith-Roman „Zwei Fremde im Zug“ von 1950 und Hitchcocks Verfilmung im Jahr darauf) und verliebt sich. Er missbraucht ihre Geschichte, weil – die gefährliche Patricia hat ihn zuvor gefühlt ein halbes Dutzend Mal ihres Chalets verwiesen – die Highsmith doch noch Gefallen an dem blassen Jungen mit der perfekten Kenntnis ihres Werkes findet. Und mit ihm einen teuflischen Pakt schließt. Sie macht sich an den sechsten Ripley, sagt sie, wenn er, der alle Ripleys auswendig kennt, für sie in die Abgründe seiner glatten Seele klettert und ihr eine plausibel irre Geschichte schreibt. Jeder habe, sagt sie, Talent zum Morden; jeder steht irgendwann im Bad vor einem Spiegel und das Böse schaut ihn an.
Patricia also liefert das Setting: Rom, die potenzielle Erbin eines sagenhaften Vermögens begegnet dem bösen Künstlergott Tom Ripley. Und Ridgeway spinnt die Geschichte weiter, soll sich den perfekten Mord ausdenken, und wird im Film im Film, den Corbijn nun zu erzählen anfängt, zu Tom Ripley. Ein Vexierspiel beginnt, ein Spiegelkabinett ist eröffnet, ein Highsmith-Museum.
Corbijn, sein genialer Kameramann Robbie Ryan (zweimal Oscar-nominiert für Filme von Yorgos Lanthimos) und überhaupt alle an „Ein Talent fürs Morden“ beteiligten Gewerke liefern eine möglichst perfekte posthume Highsmith-Geschichte – eine, für die sie die Highsmith nicht aus dem im Tessin gejagt hätte. Wer will und kann, findet allerorten ein verstecktes Zitat: Dem apokryphen Ripley-Roman schaut man mit geradezu Highsmithon’scher Herzlosigkeit zu. Und wer nach einem nostalgischen Novembernachmittag „Ein Talent fürs Morden“ gesehen hat, sollte gleich mit Steve Zaillians „Ripley“-Serie mit dem anbetungswürdigen Andrew Scott in der Hauptrolle weitermachen. Patricia Highsmith hätte dieser Themenabend gefallen.
„Ein Talent fürs Morden“ ist ab dem 5. November 2026 im Kino zu sehen.