Kultur

Bildungsbürgerpaare in Hochglanz-Immobilien

Bildungsbürgerpaare in Hochglanz-Immobilien

Eigentlich kann man die Botschaft all jener Kammerspiele, die harmlos anfangen und dann binnen Stunden eskalieren, auf eine einzige Frage herunterbrechen: Ist es eine gute Idee, Leute einzuladen? Ein fremdes Element bringt schnell die alten Gewohnheiten zum Bröckeln, und am Ende stürzen alle sicher geglaubten Fundamente ein. Um den Alltag ein bisschen aufzuwirbeln, könnte man zum Beispiel Freunde einladen („Spieleabend“) oder die erwachsenen Kinder („Im August in Osage County“) oder ein anderes Elternpaar („Der Gott des Gemetzels“) oder Urlaubsbekannte („Speak No Evil“).

Oder man lädt eben die frisch eingezogenen Nachbarn zu sich ein. So geschehen in „The Invite“, dem neuen Film von Olivia Wilde. Er ist die jüngste Verfilmung von Cesc Gays Theaterstück „Los vecinos de arriba“, das der spanische Autor bereits 2020 als „Sentimental“ selbst fürs Kino adaptierte und das seitdem mehrfach international neu verfilmt wurde – unter anderem als „Die Nachbarn von oben“ von Sabine Boss.

Wobei, kann man hier überhaupt von Eskalation sprechen? Schließlich reißen sich Angela (auch gespielt von Olivia Wilde) und ihr Mann Joe (Seth Rogen) noch nicht einmal am Anfang zusammen, als die Gäste noch gar nicht da sind. Und dann noch weniger, als das andere Paar – Pína (Penélope Cruz) und Hawk (Edward Norton) – auf der Matte steht.

Das Bildungsbürgerpaar in seiner Hochglanz-Immobilie findet in jeder Kleinigkeit Grund zum Zanken: Weil Angela die exzentrischen Orgasmen von Pína faszinierend und feministisch findet, während Joe genervt von dem Lärm ist, der aus der Wohnung über ihnen dringt. Weil Joe keine Lust auf Besuch hat und Angela bittet, die Verabredung zehn Minuten vor der ausgemachten Uhrzeit wieder abzusagen, obwohl Angela den ganzen Tag für das Schoko-Soufflé in der Küche stand.

Weil Joe Pínas Kleidungsstil nicht oft genug lobt, obwohl der findet, dass er genau das doch eben getan hat. Und weil Joe den Wein vergisst und sie jetzt ohne Alkohol dastehen – die einzige Flasche, die sie noch hatten, haben sie nämlich bereits während des zehnminütigen Streits vor der Ankunft der Gäste zu zweit ausgetrunken.

Also muss wohl oder übel der teure Wein her, ein Geschenk von Joes verstorbenem Onkel, der für einen „sehr besonderen Anlass“ gedacht war. Wenn nicht heute, wann dann?, scherzt das Paar mit zusammengebissenen Zähnen. Am Ende entpuppt sich der halbherzig organisierte Abend in der Tat als „sehr besonderer Anlass“, wenn nicht gar als die Nacht ihres Lebens: Lebenslügen fliegen auf, Geheimnisse kommen ans Licht, verdrängte Wahrheiten platzen heraus.

Man muss diese Beschreibung so genretypisch-abstrakt halten, weil man ja selbst keine Figur aus „The Invite“ ist; eine, die fremden Menschen zu viel verrät, ohne diese vorher zu fragen, ob sie es überhaupt hören wollen.

Also nur so viel: Was da an die Oberfläche drängt, innerhalb dieser wenigen Stunden mit Joints, Wein, Teppich-Lobhudeleien und Partnertausch-Orgien, ist nicht besonders originell, verblüffend oder mutig. Manchmal ist es lustig. Und im Großen und Ganzen funktioniert auch die Dramaturgie. Trotzdem hat das von Will McCormack und Rashida Jones stammende Drehbuch einige Längen. Mit dem provokanten Geständnis aus „The Drama“, dem anderen aktuellen Film der Produktionsfirma A24 mit ähnlicher Freunde-Paar-Eskalationsdynamik, können die braven Sexwitze aus „The Invite“ nicht mithalten.

Als die Gäste schließlich wie aus dem Nichts verschwinden, bleibt man ähnlich ratlos wie die Gastgeber zurück. Und fragt sich, ob diese Art der Aufrüttelung das Beste war, was ihnen passieren konnte. Oder ob sie alles kaputtgemacht hat. Am Ende stehen da jedenfalls zwei neue Menschen, die kaum noch etwas mit den alten zu tun haben. Über die Zuschauer von „The Invite“ kann man das – wie es der Anspruch solcher Filme sein sollte – leider nicht sagen.

„The Invite“ läuft ab 30. Juli im Kino

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