Mit sperrigen Großbauteilen kennt sich André Walter aus, mit widerborstigen Eignerstrukturen und komplexen Belegschaften ebenfalls. Vieles über seine rein fachliche Qualifikation hinaus bringt der promovierte Maschinenbauingenieur mit zur Meyer Werft nach Papenburg. Nicht zuletzt bescheinigt auch die mächtige Gewerkschaft IG Metall dem Topmanager, ein fairer und stets verlässlicher Anführer zu sein. Und Andreas Hensen, der Vorsitzende des Konzernbetriebsrats bei der Meyer Werft, begrüßt ihn mit den Worten: „Wir sind zuversichtlich, mit André Walter zusammen für die Kolleginnen und Kollegen die anstehenden Herausforderungen gemeinsam zu bewältigen.“
Am Mittwoch hat Walter den Vorsitz der Geschäftsführung bei der Meyer Werft übernommen. Der langjährige Deutschlandchef des zivilen Flugzeugbaus von Airbus wechselt von seinem bisherigen Sitz an der Elbe in Hamburg-Finkenwerder an die Ems, nicht weit von seinem Geburtsort Oldenburg entfernt. Walter, 59, folgt auf Bernd Eikens, 61, der seit Ende 2023 an der Spitze der Werft stand. Neben Walter gehören Ralf Schmitz als Chief Restructuring Officer und Jörg Heidelberg als Chief Operating Officer zur Geschäftsführung der Meyer Werft.
Eikens hatte die Meyer Werft durch die bislang schlimmste Krise ihrer Geschichte geführt. 2024 drohte der auf den Bau von Kreuzfahrtschiffen spezialisierten, größten deutschen Werft des zivilen Schiffbaus die Insolvenz, vor allem als eine Spätfolge der Pandemie. Das Jahr 2024 schlossen die Meyer Werft und die Meyer Gruppe mit jeweils den höchsten Verlusten ihrer Geschichte ab. Auch das Tochterunternehmen Neptun Werft in Rostock, das vor allem Flusskreuzfahrtschiffe baut, war von der Insolvenz bedroht.
Der Bund und das Land Niedersachsen stiegen 2024 mit je 40 Prozent Anteil am frisch eingebrachten Eigenkapital bei der Meyer Werft ein und sicherten die Kredite des Unternehmens ab. Die Familie Meyer, die seit 2024 nicht mehr in der Geschäftsführung vertreten ist, hält heutzutage noch 20 Prozent der von ihr im Jahr 1795 gegründeten Werft. Rund 5000 Menschen arbeiten für die Meyer Werft und für Neptun, davon etwa 3300 in Papenburg.
Die Sanierung der Werft gilt bislang als erfolgreich. Der aktuelle Auftragsbestand in Papenburg reicht bis Anfang der 2030er Jahre. „Der Aufsichtsrat bedankt sich bei Bernd Eikens für die geleistete, hervorragende Arbeit in den vergangenen drei Jahren. Er hat das Unternehmen in seiner schwersten Krise übernommen und mit Ruhe und Übersicht stabilisiert“, sagte Christian von Lenthe, Vorsitzender des Aufsichtsrates der Meyer Werft: „Dass der Konzern heute wieder so hervorragende Perspektiven hat, ist nicht zuletzt sein Verdienst. Wir wünschen ihm für den verdienten Ruhestand alles Gute. Zugleich begrüßen wir André Walter an Bord unseres Unternehmens.“
Mit den „hervorragenden Perspektiven“ meint von Lenthe vor allem den erhofften Auftrag für sechs große Kreuzfahrtschiffe für die Reederei MSC Cruises, die dem weltgrößten Maritimkonzern MSC der italienischen Familie Aponte mit Sitz in Genf gehört. Es geht um vier Schiffe und die Option für zwei weitere. Eine Absichtserklärung für das Geschäft war bereits im Dezember in Berlin in Anwesenheit von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) verkündet worden. Der endgültige Vertrag ist allerdings bis heute nicht unterzeichnet. Diese Schiffe sollen Teil einer neuen Schiffsklasse mit der Bezeichnung „New Frontier“ sein. Der Auftrag würde die Auslastung der Werft bis weit in das nächste Jahrzehnt hinein sichern. Mit einer maximalen Passagierkapazität von 5400 Personen und einer Bruttoraumzahl von rund 180.000 sollen die „New Frontier“-Schiffe ab 2030 jährlich abgeliefert werden.
Die seit Monaten andauernden Verhandlungen zum Abschluss des Kaufvertrages begründeten die Meyer Werft und MSC in einer – relativ ungewöhnlichen – Zwischenmitteilung Ende Juni so: „In der Zwischenzeit konnten die konkreten Planungen für das Design der Schiffe und die Verhandlungen für den Abschluss der entsprechenden Verträge in ein fortgeschrittenes Stadium geführt werden. Dabei handelt es sich um ein umfangreiches und komplexes Vertragswerk, für das üblicherweise mindestens ein halbes Jahr zu veranschlagen ist. Die Meyer Werft und MSC Cruises sind zuversichtlich, die Verhandlungen in den kommenden Wochen erfolgreich abzuschließen.“
Im Hintergrund könnte es auch um die Frage gehen, wie die jeweils mehr als eine Milliarde Euro teuren Schiffe finanziert werden und wie die Kredite und Geldflüsse abgesichert werden sollen. Früher bekam die Meyer Werft von einer Reederei 80 Prozent des Baupreises erst nach Ablieferung bezahlt – und finanzierte damit sowohl die Kredite des abgelieferten Schiffes als auch den Baustart des nächsten Projektes. Ein solches Finanzierungsmodell ist in der heutigen, wirtschaftlich extrem volatilen Zeit nicht mehr darstellbar, schon gar nicht für ein mittelständisches Unternehmen.
Konkreter ist hingegen bereits der Auftrag des Netzbetreibers 50Hertz für eine Offshore-Konverterplattform an die Neptun-Werft vom Juni. Gemeinsam mit dem belgischen Unternehmen Smulders soll Neptun ein großes Umspannwerk für Offshore-Windparks im deutschen Teil der Nordsee bauen. Über den Auftrag für eine zweite Konverterplattform – deren Hochspannungselektronik Siemens Energy liefern wird – verhandeln die beteiligten Unternehmen. Beide Plattformen gemeinsam hätten einen Auftragswert von rund 2,5 Milliarden Euro. Neptun gelingt mit dem ersten Auftrag der Einstieg in das strategisch bedeutende Geschäft mit Offshore-Großkonvertern. Mehr als 500 neue Arbeitsplätze will Neptun gemeinsam mit seinem Joint-Venture-Partner Smulders in Mecklenburg-Vorpommern schaffen.
Vor diesem Hintergrund arbeitet die Familie Meyer daran, die volle Kontrolle an ihrem Unternehmen zurückzugewinnen, vermutlich mit einem strategischen Investor als Partner. Ob das gelingt, ist aber völlig offen. Die Sanierungsphase bei der Meyer Werft läuft bis 2028. Der Bund hat bereits deutlich gemacht, dass er seine Anteile an dem Schiffbauunternehmen wieder verkaufen will. Die Landesregierung von Niedersachsen hingegen scheint den Anteil des Landes halten zu wollen.
Mittendrin in dieser Gemengelage sitzt nun der neue Werftchef André Walter. „Ich freue mich sehr, mit den Teams in Papenburg und in Rostock bei unserer Tochtergesellschaft Neptun Werft zusammenzuarbeiten“, sagt er zu seinem Dienstantritt am Mittwoch. „Dabei kann ich auf den Erfolgen aufbauen, die seit dem Start der Sanierung 2024 bereits erreicht worden sind – sei es in der Auftragspipeline, sei es bei den internen Prozessen oder bei der Weiterentwicklung der Firmenkultur.“
Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Er berichtet seit mehr als 30 Jahren über die maritime Wirtschaft, über Schifffahrt, Häfen und Werften.